Jimi Hendrix: „Are You Experienced“; Jim! Hendrix (Guitar und Vocal), Noel Redding (Bass Guitar und Vocal), Mitch Mitchell (Drums); Polydor 184 085, 18,– DM

Die brutalen Gefängnisstrafen für die Rolling Stones Mick Jagger und Keith Richard (drei und zwölf Monate: pot trouble), das phantastische Sergeant-Pepper-Album der Beatles (die BBC hat „A Day in the Life auf den Index gesetzt: wegen gemeingefährlicher Propagierung der Droge, warum nicht „L.ucy in the S.ky with Diamonds“, weiß niemand) und die erste LP des Jimi-Hendrix-Trios: das sind die Ereignisse, die die englische Beat-Szene zur Zeit beherrschen.

Noch vor wenigen Monaten war Jimi Hendrix lediglich ein Geheimtip, vor einem knappen Jahr noch ein unbekannter farbiger Sänger und Gitarrist, der für fünfzehn Dollar pro Nacht in Greenwich Village auftrat. Im September 1966 zog Jimi Hendrix, dem Rat eines Freundes folgend, nach London, seit ungefähr sieben Monaten spielt er mit Noel Redding und Mitch Mitchell.

Heute ist Jimi Hendrix ganz oben: Es gibt im Augenblick keinen Beat-Musiker, dem so viel auf der elektrischen Gitarre einfällt wie ihm, und es hat seit den ersten Auftritten der Beatles und der Stones keine Beat-Formation mehr gegeben, die so radikal und so erfolgreich an einem eigenen Sound gearbeitet hat wie dieses Trio.

Das Ergebnis ist eine originale Kombination aus Blues, hartem Beat und elektronischen Effekten, die alle bisherigen Versuche in dieser Richtung in den Schatten stellt. Die BBC wird übrigens auch Jimi Hendrix auf ihren Index setzen müssen: Seine Musik ist nicht weniger psychedelic als die der Beatles, und wenn „A Day in the Life“ eine gemeingefährliche Propagierung der Droge ist, dann sind Nummern wie „I don’t live today“, „3rd Stone from the Sun oder „Are You Experienced“, in denen der Hendrix-Sound kulminiert, gemeingefährliche messages von der anderen Seite des Flusses der Sog, den Hendrix durch die Mischung verschiedener Tempi und Aufnahmegeschwindigkeiten mit rückwärts gespielten oder gebremsten Bändern, durch den virtuosen Einsatz seiner feedback guitar und ein präzise kalkuliertes Auf- und Zuschieben der Mikrophonregler während des Einspielens andreht, steht dem des finalen Geräusch-Crescendos in „A Day in the Life um nichts nach. Uwe Nettelbeck