Kurz bevor er endgültig in die Vereinigten Staaten abreiste, sagte ein junger Wissenschaftler: „Ich habe mich zunächst für die Annahme des amerikanischen Angebots entschieden, weil man mir Mittel und Unabhängigkeit bietet. Das weitere Überdenken der Situation zeigt aber, daß man auch aus Gründen einer ,mental hygiene‘ sich für ein Verlassen der deutschen Universitäten entscheiden muß ... Mobilität, Flexibilität und die Tatsache, daß es in der Regel einem Amerikaner unangenehm ist, hinter dem Schalter zu sitzen, empfinde ich als zuverlässigere Garantien für ein fruchtbares Arbeiten als die Hoffnung auf die Verwirklichung und Erweiterung des Mittelbaus an der deutschen Universität. An eine Reform der deutschen Universität glaube ich nicht, solange sich diese Institution durch Selbstbestäubung fortpflanzt.“

Diese Stimme spricht für viele. Sie wird zitiert in einer Untersuchung, die Claus Müller-Daehn, Leiter des Auslandsreferats der Deutschen Forschungsgemeinschaft, im Auftrag und mit der Unterstützung der Stiftung Volkswagenwerk angestellt hat: „Zum Problem der Abwanderung deutscher Wissenschaftler.“

Die Studie ist weder streng mathematisch-statistisch noch wissenssoziologisch angelegt, sondern als übersichtliche Auffächerung des bisher zum Thema erschienenen Materials.

Rund 5600 Wissenschaftler – darunter etwa 4000 Techniker und 1600 Naturwissenschaftler aller Richtungen – haben zwischen 1949 und 1965 die Bundesrepublik verlassen; dazu kommt noch eine völlig unbekannte Zahl von Fachleuten, die gleich nach dem Krieg fortgingen – als die Besatzungsmächte, wie Michel Bar Zohar es in einem Buchtitel nannte, „Die Jagd nach den deutschen Wissenschaftlern“ trieben.

In den fünfziger Jahren machten amerikanische Unternehmungen viel böses Blut, die die freiwillige Ab- und Auswanderung in ganz gezielte Abwerbung verwandelten. Ihre Kontaktstellen waren die sogenannten Special Project Teams, in denen „Relikte der Besatzungspolitik mit der Wahrnehmung sehr eindeutiger wirtschaftlich materieller Interessen in undurchsichtiger Weise miteinander verquickt waren“. Meist wurden die Kontakte zwischen deutschen Wissenschaftlern und amerikanischen Interessenten ganz privat geknüpft; offizielle Maßnahmen, die dieses Aufkaufen hätten verhindern können, waren kaum durchzusetzen.

Zwar wurde von amerikanischer Seite inzwischen mitgeteilt, das letzte Büro dieser Art in Frankfurt am Main habe im Sommer 1966 seine Tätigkeit eingestellt. Ganz geklärt ist die Angelegenheit aber wohl immer noch nicht.

Solch unfeiner Konkurrenzkampf macht natürlich auf deutscher Seite geneigt, die Schuld am Verlust wissenschaftlich hochqualifizierter junger Leute und damit am Aderlaß der deutschen Forschung unlauteren Methoden der Amerikaner zuzuschieben. „Die deutsche Verwaltung und die deutsche Wissenschaft stehen diesen amerikanischen Initiativen und den Argumenten, mit denen sie begründet werden, ein wenig hilflos gegenüber. Die Anwendung wirtschaftlicher Kriterien auf den Bereich der Forschungsorganisation und -finanzierung... scheinen bei uns immer noch und allzu häufig als profaner Einbruch in eineideelle Welt des schöpferischen Geistes betrachtet zu werden, dem man abwehrend oder nur mit großem Zögern begegnen muß.“