Fünf Stunden auf der Texas-Ranch

Von Theo Sommer

In seinen ersten Präsidentenjahren nagte zuweilen der Zweifel an Lyndon B. Johnson – ob er, der Meister der amerikanischen Innenpolitik, wohl auch den Fährnissen der Weltpolitik gewachsen sei. Auf außenpolitischem Parkett kam er sich vor „wie ein Kaninchen im Hagel, das hilflos hingekauert das Unwetter über sich ergehen läßt“. Einem Vertrauten gestand er: „Ich bin dabei zu lernen, aber ich weiß nicht, ob die Welt warten kann, bis ich genug gelernt habe.“

Inzwischen sind seine Zweifel verflogen. Jener Johnson, den wir in fünf Stunden auf der LBJ-Ranch in Texas kennenlernten, war ein Mann, der sich nicht nur für den König der Binnenschiffer hält; längst fühlt er sich als Kapitän auch auf den Weltmeeren zu Hause. Seit Glassboro ist ihm die Überzeugung, daß seine außenpolitische Lehrzeit beendet, sein Gesellenstück geliefert sei, zur unumstößlichen Gewißheit gediehen. Am Ufer des Pedernales blickte Johnson, ehe er vorige Woche nach Washington zurückkehrte, stolz und zufrieden auf seine Leistung.

Er begegnete uns nicht als der großmächtige Herr der Vereinigten Staaten von Amerika, sondern ganz als Großbauer Johnson: Eigentümer von tausend oder mehr Morgen Weideland, zweihundert Stück Zuchtvieh, vierhundert bis fünfhundert Rehen nebst einigem exotischen Wild; ein Mann, der Rauchfleisch von eigenen Schweinen ißt, Pfirsiche eigener Pflanzung und Weißbrot aus dem heimischen Backofen. Er war braungebrannt, trug legere Kleidung, kurzärmeliges Sporthemd, braune Hose, alte braune Schuhe und gab sich völlig entspannt. Achttausend Ballen Heu, so erzählte er, habe er gerade in seine Scheuern gefahren. Und wohlgefällig betrachtete er auch die politische Ernte, die er in diesem Sommer 1967 eingebracht hat.

Musik in Johnsons Ohren

Über die Innenpolitik sprach Johnson nicht, als wir unter der jahrhundertealten Steineiche in seinem Vorgarten saßen, auf leichten Klappstühlen, kalorienarme Fruchtgetränke in schlichten Pappbechern mit aufgemaltem „J“. Gewiß braute sich da manches am innenpolitischen Horizont zusammen: Rassenkrawalle, Arbeitskämpfe, Preiserhöhungen. Doch für nächstes Jahr, für die Wahlen im November 1968, stehen die Zeichen günstiger denn je. Die republikanische Opposition ist in sich zerstritten. Weder Romney noch Rockefeller, weder Nixon noch Reagan können dem Präsidenten das Wasser reichen. Nach den jüngsten Umfragen würde er sie samt und sonders bequem schlagen; vor ein paar Monaten hatte das noch ganz anders ausgesehen.