Alltag im Revier 14 / Von Ruth Herrmann

Du mußt den Arm fester abbinden, dann kriegst du gleich den ersten Bommerlunder raus“, ermunterte ein Mann, der gegen Mitternacht in die Revierwache 14 gebracht worden ist, den Arzt, der ihm eine Blutprobe entnehmen muß. Nicht jeder, der in die Tüte pustet oder dem Arzt vom Notdienst die schwellende Vene reicht, hofft wenig Alkohol im Blut zu haben. Kundige Kunden wie dieser trauern jedem Schnaps nach, den sie nicht „hinter die Binde gegossen“ haben: Er war dabei ertappt worden, als er in einen Laden einbrechen wollte. Jetzt hofft er auf Milde – wegen Trunkenheit.

Die Spätschicht – neun Polizeibeamte an diesem Tag und, wie an fast allen Hamburger Revierwachen, zu wenige – hat ihren Dienst um vierzehn Uhr angefangen. Als acht Stunden später die Nachtschicht antrat, befand sich ein Schnaps-Luft-Rauchgemisch wie in einem Wartesaal in dieser Wache, einem verblaßten hellgrün getünchten Arbeitszimmer der „Beamtenschaft, die am sichtbarsten den Staat repräsentiert“. Die Fahne flattert den meisten Besuchern voran, und wer beobachtet, was die Polizisten vom Revier 14 am Großneumarkt einen Tag und eine Nacht lang beschäftigt, darf annehmen, daß die Wachstube meistens ohne Besucher wäre, gäbe es den Alkohol nicht.

Das Revier im alten Teil Hamburgs, der Neustadt heißt, ist 0,8 Quadratkilometer groß. In grauen Mietkasernen, baufälligen Fachwerkhäusern des Gängeviertels und in den einfachen Backsteinkästen des Sozialen Wohnungsbaus wohnen einfache Leute, Arbeiter, Handwerker, Rentner. Vor gestärkten Gardinen stehen Blumentöpfe. Der prächtige Blumenstand auf dem Markt ist einer der schönsten von Hamburg. Eingepflanztes, grün oder blühend, ist hier am meisten begehrt, der Haltbarkeit wegen. Die biederen Bewohner der Gegend treten in der Wache kaum „in Erscheinung“. Sie besitzen nicht einmal Autos. Höchstens kommen sie, wenn sie Hilfe brauchen.

Nachmittags gegen drei Uhr kam eine Frau, im Arm ein sauber gebündeltes Baby, dem eine Hand verbrüht worden ist. Der Notarzt vom Dienst ist gerade da und verbindet den Säugling. Dankbar entfernt sich die Mutter, und das Revier 14 ist auch froh über seinen Arzt: der Doktor hat weder eine eigene Praxis noch ist er Angestellter eines Krankenhauses, er ist Notarzt dieser Polizeiwache, und das aus Passion. Der ehemalige Schiffsarzt, anzusehen wie ein gestrandeter Seebär, will es nicht langweilig haben. Er „weiß Bescheid“, er „kennt das Leben“. Was in dieser Umgebung darunter verstanden sein will, kennen die Polizisten vom Revier 14 auch. Nicht die Bewohner der Neustadt spielen den Beamten täglich das Stück vom gefährlichen Leben vor, sondern Leute, die nicht hier oder überhaupt gar nicht wohnen.

Nachts im Pik-As

Ein kalter Regennachmittag. Gegen vier Umbringen die beiden Polizisten vom Funkwagen „Vierzehn-Peter“ einen Mann herein, der glücklich lächelt und zur Bank im Hintergrund eilt. Für ihn heißt hierbleiben-müssen so viel wie hierbleiben-dürfen. Auf einer hölzernen „Chaiselongue“ in einer warmen Arrestzelle darf er schlafen, bis der „Lumpensammler“ – jenes Transportauto, das abends von Revier zu Revier fährt – ihn mitnimmt und ins Untersuchungsgefängnis bringt. Dort wird er bis zur Verhandlung einen festen Wohnsitz haben, den er trotz viermal wiederholter „Auflage“ in der Freiheit nicht hat.