Von Horst Krüger

Die Wahrheit ist ziemlich bitter – wie Pflaumenkerne. Völlig erwachsen, bekommt einem sogar ihr Gift. Es macht mündig und frei. Man kann dann die Märchenbücher zuklappen und sich interessiert mit Einzelheiten befassen. Fakten faszinieren. Das Ganze war doch immer ein Traum.

Ich möchte wieder eine Legende zerstören, die meine Jugend lange umstellte. Sie war so tröstlich und ist es noch immer in unserem Lande, bergauf, bergab. Das ist die Legende vom Alter, das schließlich weise wird. Sie kennen diese Geschichte? Greisentum und Güte sollen schließlich zusammenfließen. Das wird uns in vielen Schullesebüchern versichert. Der große Alte – nun seht ihn euch an: Wie steht er schließlich wissend und groß über den Dingen, väterlich lächelnd, er weiß so viel. Ein Abglanz von Liebe soll, licht und verklärend, über dem Abend des Lebens liegen. Eine ehrwürdige und fromme Geschichte.

Man kennt diese gräßlichen Albert-Schweitzer-Schlußlichter: Gott ist die Liebe, und alles ist gut. Ein Orgelklang über Lambarene und schlohweißes Haar, das endlich alles mit allem verknüpft. Ein schlimmer Zopf wird das. Eine abscheuliche Ideologie für Hausfrauen, die abends Elly Ney mit geschlossenen Augen hören. Tod und Verklärung, ein deutsches Wort, das mich immer husten macht. Ich muß da protestieren.

Ich frage mich, ob man nicht umgekehrt weiterkommt. Ich behaupte es nicht. Ich stelle es nur zur Diskussion, wie man sagt. Ich überlege mir seit Jahren, ob nicht die einzig anständige und ehrliche Tugend fürs Alter die Bosheit wäre. Gottfried Benn hat den Altersmythos des Bürgertums schon ziemlich abgebaut, aber zum Schluß berief er sich doch auf die Kirchenväter: non confundar in aeternum – auch ich werde nicht in Ewigkeit verworfen werden! Das war ein später Kniefall des bösen alten Mannes. Seine vorletzte Rede in Stuttgart, voller guter Chirurgenschnitte und melancholischer Ernüchterungen. Der letzte Satz nahm alles Gesagte wieder zurück. Warum wollte er nicht verworfen werden? Was ging’s ihn an? Wo hing er da noch tief im Ganzen, das er so sehr verwarf?

Mein Versuch setzt freilich voraus, daß man die Bosheit nicht blind verketzere, sondern als eine soziale Verhaltensform intelligenter Naturen zu schätzen weiß. Was ist Bosheit? Gegenaufklärung hat viel ins Metaphysische hinunterverdunkelt: das Böse an sich, ein Prinzip des Teufels, der irgendwo in der Hölle sitzen soll. Vielleicht. Der Teufel soll ein Diabolos sein, ein Durcheinanderwerfer. Wäre dies eigentlich so schlimm? Durcheinanderwerfen ist gut und bekommt den Rang einer Tugend in einer Welt, die immer mehr von Ingenieuren und Oberlehrern beherrscht und plattgewalzt wird. Die „Ordnung“ zu unterhöhlen, ist ein Akt reiner Humanität. Das Establishment durch gezielte Schüsse aus dem Hinterhalt in Frage zu stellen, ist wahrscheinlich der letzte schöpferische Impuls in einer Gesellschaft, die heute immer massiver zu der weltweiten Konformität glatter Jasagerbataillone zusammenwächst. Die Alten sollen das auch noch segnen und gutheißen am Ende? Nicht doch – so alt sind sie nicht.

Geht man nun davon aus, daß Altern im Grunde heißt, dauernd soziale Bindungen zu verlieren, dann versteht man die belebende und schöpferische Funktion der Bosheit fürs Alter. Alte Männer werden einsam, ja. Die Liebschaften und Freundschaften, der Kreis der Arbeitskollegen im Betrieb, der ganze vielfältige Prozeß sozialer Verzahnungen wird locker und schwindet dahin. Rentner stehen immer draußen, sitzen im Grünen auf Bänken, sehen zu. Die Gesellschaft hat sie an die Wand gedrückt, und da sitzen und stehen sie nun: untätig und allein – sollen sie nun mit Weisheit oder mit Bosheit verschwinden? Verschwinden müssen sie doch; das ist sicher. Jedermann weiß, daß Weisheit uns nur auf die Nerven geht. Wer will diese letzten Sinnsprüche hören, die doch nichts taugen, solange man im konkreten Gewirr der Gesellschaft lebt? Gute Ratschläge sind immer billig. Sie kommen von oben, aber wir fangen ganz unten an. Das ist es. Immer wieder.