Von Wolfgang Leonhard

Aus einer kleinen Meldung unter der nicht gerade sensationellen Überschrift „Das 13. Plenum der Sowjetgewerkschaften“ erfuhren die Sowjetbürger dieser Tage, daß einer der höchsten Kreml-Führer degradiert worden ist. Der 49jährige Alexander Schelepin, der bisher den beiden entscheidenden Machtzentren des Landes – dem elfköpfigen Politbüro und dem aus zehn Mitgliedern bestehenden ZK-Sekretariat – angehörte, ist auf den Posten des Vorsitzenden der Sowjetgewerkschaften abgeschoben worden.

Aus dem ZK-Sekretariat ist Schelepin offensichtlich bereits ausgeschieden, und es ist denkbar, daß auch im Politbüro seine Tage gezählt sind. Gewiß, der Vorsitz der Sowjetgewerkschaften, die annähernd 80 Millionen Mitglieder zählen und deren Bedeutung gerade im Zusammenhang mit der Wirtschaftsreform offensichtlich steigt, ist kein unbedeutender Posten. Aber – und das ist das Entscheidende – er bedeutet unter sowjetischen Bedingungen keine wirkliche Machtstellung. Zweifellos bedeutet die Umbesetzung daher eine beträchtliche Herabstufung Alexander Schelepins.

Die politische Bedeutung dieser Degradierung besteht darin, daß Schelepin – unzweifelhaft ein fähiger Organisator – schon seit mehreren Jahren als Vertreter des dogmatischen harten Flügels in den höheren Kreisen des Sowjetapparates gilt. Aber er stand nicht allein, sondern gruppierte um sich eine Reihe früherer Funktionäre des Komsomol, des kommunistischen Jugendverbandes, die ihn unterstützten. Auch sie waren wegen ihrer dogmatischen, harten Einstellung bekannt. Neben Schelepin selbst, der 15 Jahre lang, von 1943 bis 1958, dem Komsomolapparat angehörte, darunter von 1952 bis 1958 als Führer der über 20 Millionen zählenden sowjetischen Jugendorganisation, und der anschließend (von 1958 bis 1961) sowjetischer Staatssicherheitsdienst-Chef war, gehörten Semitschastnyj, Jegorytschew, Tikunow und Gorjunow dieser Gruppe an.

Wladimir Semitschastnyj, heute erst 43, war viele Jahre hindurch zweiter Sekretär des Komsomol, also die rechte Hand Scheiepins, bis er 1961, als Nachfolger Scheiepins, zum Chef des Staatssicherheitsdienstes avancierte. Nikolaj Jegorytschew war mehr als ein Jahrzehnt Funktionär in der Moskauer Organisation des Komsomol gewesen, ehe er Anfang der sechziger Jahre zum Parteisekretär von Moskau ernannt wurde. Wadim Tikunow war zu Scheiepins Amtszeit als Staatsicherheitschef (1958 bis 1961) dessen Stellvertreter. Dmitrij Gorjunow gehörte seit Ende der dreißiger bis Mitte der fünfziger Jahre dem Komsomolapparat an und war mehrere Jahre Redakteur der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“, bis er 1960 die Leitung der Nachrichtenagentur TASS übernahm. Diese ehemaligen Komsomol-Apparatschiks bildeten eine Gemeinschaft, teils aus persönlichen Machtinteressen, vor allem aber mit der politischen Zielsetzung, alle „zu weit gehenden“ Reformen zu bremsen und den härtest möglichen Kurs beizubehalten.

Der Einfluß dieser Gruppe begann für die sowjetische Führung wirklich bedrohlich zu werden, als es Schelepin nach einem erstaunlich schnellen Aufstieg bis Ende 1964 gelungen war, gleichzeitig Mitglied des Politbüros und des ZK-Sekretariats zu werden sowie Vorsitzender des Komitees für Staats- und Parteikontrolle (einer Art Super-Kontrollbehörde mit außerordentlichen Vollmachten) und schließlich noch stellvertretender Ministerpräsident der UdSSR. Zur gleichen Zeit (Ende 1964) war Schelepins Mitartbeiter Semitschastnyj Chef des Staatssicherheitsdienstes, Tikunow Minister für öffentliche Ordnung der russischen Föderation (RFSFR), Jegorytschew Parteisekretär von Moskau und Gorjunow Chef der Nachrichtenagentur TASS.

So war es nicht erstaunlich, daß die sowjetische Spitzenführung unter Breschnew versuchte, diese Gruppe schrittweise zu entmachten. Der erste Schritt wurde schon im September 1965 getan, als das Ministerium für Staats- und Parteikontrolle „reorganisiert“ und Schelepin aus den Hinden genommen wurde – der damals gleichzetig seine Funktion als stellvertretender Ministerpräsident einbüßte. Ein Jahr später, im September 1966, wurde ein neues all-sowjetisches Unionsministerium für öffentliche Ordnung gebildet und den Breschnew-Proteges Nikolaij Sontschelokow anvertraut, so daß nun auch der Minister für öffentliche Ordnung der russischen Föderation, der ehemalige Mitarbeiter Scheiepins, Tikunow, seine Machtstellung verlor.