Unser Kritiker sah:

XVII. BAD HERSFELDER FESTSPIELE

In der Stiftsruine

Die Bad Hersfelder Festspiele erheben den Anspruch, eines der beiden wichtigsten Wort-Festspiele in Deutschland zu sein. Außer vom Lande Hessen werden die Bad Hersfelder Festspiele auch von der Bundesregierung subventioniert. Es muß also wichtiges Theater sein, was auf der monumentalen Freiluftbühne in der romantischen Stiftsruine gespielt wird.

Der Spielplan ist vom früheren Intendanten William Dieterle über den Stimmungszauber der architektonischen Kulisse hinaus erweitert worden. „Welttheater“ wird seitdem nicht mehr nur als christliches Mysterienspiel ausgelegt. Es darf sogar gelacht werden in diesen ehemals heil’gen Hallen.

Prinzipiell hat der jetzige Festspielleiter Ulrich Erfurth diese Linie auch in seinem zweiten Hersfelder Intendantensommer fortgesetzt. Die Ruine (Opfer des Siebenjährigen Krieges) diente jetzt erstmals als Schauplatz für eine Kriegschronik, für Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“. An jene allegorischen, Moralspiele, wie sie die spanischen autos sacramentales und auch noch der „Jedermann“ waren, knüpfte Albert Camus mit seinem „Belagerungszustand“ an. Sein Mythos von Terror und Furchtlosigkeit gründet sich auf „die einzig lebendige Religion in unserem Jahrhundert der Tyrannen und Sklaven, nämlich die Freiheit“. Die Komödie ist in Hersfeld durch Shakespeare mit „Was ihr wollt“ vertreten. Bei dem Versuch, als viertes Stück auch noch einen „großen“ Klassiker – Shakespeares „König Lear“ – in das Aufführungsprogramm eines einzigen Monats zu zwängen, zeigte sich, daß Ulrich Erfurth als Regisseur von zwei nebeneinander zu probierenden Stücken („Lear“ und „Courage“) nicht nur seine eigenen Kräfte überspannte; in Bad Hersfeld ist unter seiner Verantwortung eine Festspielhektik ausgebrochen, deren quantitative Arbeitswut den Qualitätsanspruch ernsthaft gefährdet.

Sieht man von „Was ihr wollt“ als Wiederaufnahme aus dem Vorjahr ab, so sind in drei Neuinszenierungen nur zwei hervorragende Schauspieler erwähnenswert: Hilde Krahl (einmal als Brechts Courage, zum anderen als Camus’ Sekretärin der Pest) und Hans Quest (Feldprediger und Pest). Der dritte tragende Schauspieler, Ewald Balser, enttäuschte derart als König Lear, daß er die ganze, ohnehin schon konzeptionslose Inszenierung ruinierte.