Die Kulturrevolution kocht Über

Von Hans Gresmann

Daß die chinesische Armee die paar tausend britischen Soldaten in Hongkong sozusagen über Nacht ins Meer werfen könnte, darüber besteht keine Frage. Zweifelhaft freilich ist es, ob sich dies für die Chinesen lohnt. Gleichfalls zweifelhaft indes ist es, ob die politisch-ökonomischen Kategorien „lohnen“ oder „nicht lohnen“ in China heute überhaupt noch beachtet werden.

Die chinesische Politik – das gilt für die Innenpolitik schon seit dem Beginn der Kulturrevolution, seit neuestem aber auch für die Außenpolitik – hat Züge des Irrationalen angenommen. Und darum ist es so schwer zu ergründen und zu verstehen, was die Chinesen wirklich wollen. Furcht, so sagen die Psychologen, richtet sich auf eine erkennbare Bedrohung, Angst dagegen auf etwas Vages, Undefinierbares, Geheimnisvolles. Und so kommt es denn, daß die Völker der Welt aufs neue Angst haben vor der gelben Gefahr, die diesmal unter der roten Fahne daherkommt.

Mit der Furcht vor China ließe sich leicht fertig werden. Denn der Drachen, den man seit Jahren feuerspeiend erlebt hat, ist in Wahrheit ein überaus geschwächtes Riesentier. Gewiß China hat 700 Millionen Menschen, und das bedeutet, daß jeder vierte Erdbewohner ein Chinese ist. Gewiß, China hat eine Armee von fast drei Millionen Soldaten sowie eine an Zahl noch größere Miliz. Gewiß, China hat kürzlich sogar eine Wasserstoffbombe gezündet. Gewiß, in China regiert immer noch jener Mao Tse-tung, der einst jene so berüchtigte wie berühmte These aufgestellt hat: „Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen.“

Aber immer wieder wurde denn doch präzise gerechnet, und dabei erschienen Fakten, die zu einiger Beruhigung Anlaß gaben. Die Bevölkerungsexplosion von jährlich 12 bis 15 Millionen Menschen muß die chinesische Wirtschaft gewaltig schwächen. Auch ist bekannt, daß in der Industrialisierung China jetzt gerade dort angelangt ist, wo Japan, die andere asiatische Großmacht, schon vor etwa 40 Jahren war. Abgesehen von der Nuklearproduktion ist der chinesische Wirtschaftsapparat durch Unordnung und mangelnde Rationalisierung gekennzeichnet.

Auch sind die chinesischen Streitkräfte keineswegs, wie immer angenommen, die stärksten der Welt. China hat in der regulären Armee etwa 2,7 Millionen Mann unter Waffen. Die Vergleichszahlen bei der Sowjetunion und bei den Vereinigten Staaten sehen dagegen so aus: etwas über drei Millionen und etwas unter drei Millionen. Von den rund 150 Divisionen, die China unterhält, sind kaum mehr als fünf motorisiert, und nur eine oder zwei sind Luftlandedivisionen. Überall fehlt es an schwerem Gerät, an Artillerie und gepanzerten Fahrzeugen. Die chinesische Marine mit ihren 1200 kleinen Schiffen und nicht mehr als vier Dutzend Unterseebooten ist ohne große militärische Bedeutung. Dies um so mehr, da etwa die Hälfte der Unterseeboote nicht einsatzbereit ist, weil die sowjetischen Ersatzteile fehlen. Die chinesische Luftwaffe verfügt über rund 3000 Flugzeuge. Die meisten von ihnen sind veraltet, viele sind nicht einsatzfähig.