Von Bodo Scheurig

Die Opposition gegen Hitler war in Deutschland und im Ausland seit je umstritten. Einige priesen sie, die Mehrheit jedoch registriert nur ihre Fehler oder verdammt sie als Landesverrat. Auch Ost und West können sich auf keinen Nenner einigen. Nach östlicher Version hat einzig die Arbeiterklasse Widerstand geleistet; im Westen wird zugunsten der Militärs und bürgerlichen Frondeure um die Linke ein Bogen gemacht.

Einzig Stauffenberg, scheint es, wird von beiden Seiten beansprucht und gefeiert. Sowjetische und DDR-Historiker loben ihn als einen Patrioten, der „unser ist“; in der Bundesrepublik versichern nicht nur Tagesbefehle, daß „wir zu Stauffenberg stehen“.

In alledem steckt Selbstbetrug und Schizophrenie. Weder Ost noch West haben ein Recht, sich auf den Widerstand gegen Hitler zu berufen. Was dieser Widerstand wollte, ist nirgendwo Wirklichkeit geworden. Das gilt – je nach Standort – im Positiven wie im Negativen. Der Widerstand ging 1944 zugrunde. Seitdem ist eine andere Epoche angebrochen, die neue Wirklichkeiten geschaffen hat. Niemand kann für sie ungeprüft beanspruchen, was vor ihrem Beginn gedacht worden ist. Gleichwohl glauben wir den Widerstand für alles anrufen zu können. Die Folge können nur Unbehagen und Widerstreben sein.

Die Forschung zum 20. Juli hat alledem nicht entgegengewirkt. Im Gegenteil: da sie sich – bemüht, auf ein anständiges Deutschland zu verweisen – oft genug zu Pathos und hymnischem Zuspruch verstieg, mußte sie das Unbehagen vieler nur vertiefen. Hier wäre vor allem Eberhard Zellers Buch Geist der Freiheit zu nennen: obgleich ein Standardwerk und eine Forscherleistung hohen Ranges, schien es vor allem auf eine unterschiedlose Heldengalerie abzuzielen. Gegen diese Tendenz wird nun Front gemacht. Wenn einst zustimmende Darstellungen überwogen, so beginnen jetzt herbe, ja, abwertende Analysen vorzuherrschen. Fast scheint es, als solle der Überschwang bewußter Nüchternheit weichen. Man wünscht keine Hagiographien mehr. Man will nur mehr prüfen und allenfalls noch gelten lassen, was als „fortschrittlich“ anerkannt zu werden verdient.

Die Rechte verfiel Hitler

Das zeigt die jüngst erschienene Studie Der deutsche Widerstand gegen Hitler (herausgegeben von Walter Schmitthenner/Hans Buchheim), in der Hermann Graml, Hans Mommsen, Hans Joachim Reichhardt und Ernst Wolf verschiedene Aspekte des Widerstandes untersucht haben. Ihr Fazit: der deutsche Widerstand bildete keine Einheit. Vielfältig in seinen Antrieben, war eierst in dem Maße zu handeln entschlossen, in dem sich Deutschlands Niedergang abzuzeichnen begann. Seine unterschiedlichen Zielsetzungen drohten sich oft gegenseitig auszuschließen. Während Beck, Goerdeler und Hassell vom nationalstaatlichen Bismarck-Reich geprägt blieben, strebten die Sozialisten und der Kreisauer Kreis nach einem radikalen Neuanfang. Während die „Honoratioren“ ein intaktes Großdeutschland und Hitlers Erfolge zu erhalten suchten, war für die Jüngeren mit der Reichsideologie auch die Bedeutung der Grenzen verblaßt.