Bremen

Babys bekamen Schreikrämpfe, Kinder verkrochen sich im Gebüsch, Badegäste flohen aus Schwimmbädern, Vieh tobte über Wiesen, Hunde heulten und jaulten, Alte fragten nach Luftschutzbunkern, Männer drohten mit geballten Fäusten gen Himmel. Und das alles, weil an einem schönen Sonnabend im Juli ein Hubschrauberpilot die Luft über Bremen zu seinem Tummelplatz gemacht hat. Fünf Stunden lang amüsierten sich zwei Herren in einem modernen Helikopter von ihrer Panorama-Plexiglaskanzel aus (Augenzeugen versichern: zeitweilig mit herausbaumelnden Beinen) mit Steil- und Sturzflügen auf Menschen, Gärten, Straßen, Bäder und Häuser. Der Bremer Senator für Verkehr hat es seither mit geharnischten Protesten aus der Bevölkerung zu tun, die in der Frage gipfeln, ob im Zeitalter des Flugzeugs den Großstädten „Wildwest aus der Luft“ droht.

„Terror“ nannten elf Zeugen vor einem Senatsbeamten, was ihnen an jenem Tag widerfahren war. „Als der Pilot eine Gruppe von Männern bemerkte, die ihn von der Straße aus mit Feldstechern beobachtete, stieß er im Steilflug auf uns herunter.“ Fast mehr noch erregte die Betroffenen ihre Erlebnisse mit den „zuständigen Stellen“. Es zeigte sich nämlich, daß für Luftrowdys offensichtlich niemand zuständig ist. „Als ich um 12 Uhr die Bremer Abteilung der Bundesanstalt für Flugsicherung anrief, wußte man dort von nichts. Da trieb der Hubschrauber sich bereits zwei Stunden lang halsbrecherisch herum, und die Flugsicherung hatte schon mehrere Hinweise bekommen“, berichtete ein Zeuge.

Dies hat ein Mann erlebt, der die Bundesanstalt um 13 Uhr alarmierte: „Man verwies mich an den Kontrollturm. Nein, hieß es dort, dafür ist die Flugsicherung da. Dort wiederholte man, das sei Sache des Kontrollturms. Im Kontrollturm hatte man die brillante Idee: Polizei. O nein, sagte die Polizei, für Vorfälle, die sich in mehr als zehn Meter Höhe über der Erde zutragen, ist die Flugsicherung zuständig. Nach dieser Köpenickiade war ich fertig mit den Nerven und hatte nur noch Wut im Bauch.“

Ein Zeuge hatte die Flugsicherung beschworen: „Holt den Kerl ’runter, der ist verrückt oder betrunken. Schickt doch eine Bundeswehrmaschine ’rauf.“ Er habe zur Antwort bekommen, man könne niemanden zur Landung zwingen, und für solche Fälle stehe die Bundeswehr nicht zur Verfügung. Immerhin stand nach massivem Telephondruck der Bevölkerung schließlich „amtlich“ fest: Der Hubschrauber unbekannter Herkunft war „schwarz“ in die Kontrollzone eingeflogen. Auf Funksprüche reagierte der Helikopter nicht.

Polizeibeamte wurden nun eilends mit Feldstechern ausgerüstet, um vom Boden aus Augenjagd auf das Kennzeichen des Unbekannten zu machen. Sie konnten nichts entziffern. Am frühen Nachmittag schließlich stieg ein Sportflieger auf. Sein Versuch, den Hubschrauber zur Landung zu bewegen, mißlang. Der Pilot drehte ab. Immerhin brachte der Sportflieger Anhaltspunkte über das Kennzeichen mit auf die Erde.

Mit der Identifizierung des Helikopters indessen konnte erst eineinhalb Tage später, am Montag, begonnen werden, weil – wie es hieß – die Registrierlisten der Bundesanstalt über das Wochenende unerreichbar unter Verschluß lagen. „Haarsträubend und dilettantisch“ bezeichnet die Bevölkerung die Behandlung des Vorfalles. Es tröstet sie wenig, daß der Pilot schließlich ermittelt wurde – angeblich hat er im Auftrag einer süddeutschen Luftreederei photographiert – und nun mit einem Verfahren, vielleicht auch mit Entzug seiner Lizenz zu rechnen hat.