Als „die reizvollste aller Einladungen zu glücklichen Reisen und unvergeßlichen Spaziergängen inmitten einer Welt der Schönheit und der einmaligen Wunder“ will der Textbildband

„Mein geliebtes Israel“, Einleitung von Joseph Kessel, Bildtexte von Noel Calef, Photos von Patrice Molinard, aus dem Französischen von Waldemar Sonntag; Verlag der Europäischen Bücherei H. M. Hieronimi, Bonn; 139 S., 120 Abb., 35,– DM

laut Klappentext verstanden werden; als stimulierende Einstimmung für potentielle Touristen also.

Und dem entspricht auch der Bildteil: Im Vordergrund steht das „Sehenswürdige“, historische Überreste, pittoreske Landschaften – typisch für Israel wird das erst, wenn die Bewohner des Landes ins Bild kommen, überhaupt, wenn die Ansichtskartenperspektive aufgegeben w.rd. Das geschieht ab und zu, und so wäre wenig gegen den Band zu sagen, wenn er nur Photo; enthielte.

Der Klappentext verheißt dem Leser jedoch auch „Freuden für seinen Geist“, und die soll ihm der umfangreiche Textteil vermitteln. Sie bleiben jedoch aus. Das liegt nicht nur daran, daß sich die Verfasser bei dem Versuch, das für Israel charakteristische Ineinander von Legende, Historie und Gegenwart nachzuzeichnen, in dem gefällt, was sie für einen humorigen Plauderton halten, und dabei die Grenze zum Peinlichen nicht selten überschreiten; sie (oder ihr Übersetzer) befleißigen sich überhaupt einer Sorglosigkeit in Stilfragen, die über logische Schlenker von unfreiwilliger Komik zur völligen Unverständlichkeit führt: „In Jerusalem beruht die Originalität auf der Logik einer Erklärung und der ihres Gegenteils.“ Außerdem wird die Geduld des „anspruchsvollen Lesers“ mit flauen, ebenso unverständlichen Lyrismen strapaziert: „Wenn sich du Sonne hoch oben anschickt, unterzugehen, erlebt man voll Staunen den Wettstreit zwischen 6Himmel und Erde. Es geht darum, wer von beiden seine Schätze an Anmut, Zärtlichkeit und Wildheit als erster entfaltet.“

Noch mehr Anlaß zum Staunen bietet sich jedoch, wenn man liest: „Was man auch denken mag, die Stadt Akko ist die zweitgrößte Stadt in Israel, sie steht damit hinter Nazareth.“ Die gängigen Handbücher weisen jedenfalls Tel Aviv-Jaffa als die größte, Haifa als die zweitgrößte Stadt Israels aus. Der gleiche Widerspruch zwischen Behauptungen und bekannten Tatsachen findet sich noch öfter: So liegt Ein Gev, berühmtberüchtigt durch zahlreiche syrische Feuerüberfälle, keineswegs an der jordanischen Grenze, so wurde die Unabhängigkeit Israels nicht am 15., sondern bereits am 14. Mai 1948 erklärt, wurde dieBalfour-Deklaration nicht 1919, sondern schon 1917 abgegeben. Daß sich solche offensichtlichen Fehler auch und gerade in dem sich historisch gerierenden Anhang finden, erscheint besonders ärgerlich.

Angesichts dieser Sorglosigkeit im Umgang mit Fakten überrascht es kaum, daß die Probleme des Staates Israel vor der gegenwärtigen Krise – etwa das der arabischen Minorität, des nicht immer harmonischen Verhältnisses zwischen der religiös-konservativen und der freidenkerischen Richtung in Israel, der Integration der auf sehr unterschiedlichen Kulturstufen stehenden Einwanderer – verschwiegen oder verharmlost werden; was geht das den Touristen an, der kommt, um sich zu „begeistern“? Ihm wird ein Israel vorgesetzt, das nur als „Wunder“ zu begreifen ist, ein Land, bewohnt von „Helden“, den „uneigennützigsten Menschen der Welt“.

Selbstverständlich verdienen die Leistungen des jungen Staates Bewunderung; mit solch einer Idealisierung ist ihm jedoch nicht gedient. Sympathie auf Grund von Information sollte endlich an die Stelle unklarer Emotionen treten, und auch ein Bildband könnte eigentlich dazu beitragen. Rainer Zimmer