Von Manfred Luda

Steht uns die Krise erst bevor?“ fragt Müller-Armack in der ZEIT. Seine Ausführungen haben überall Aufsehen erregt. Das liegt nicht nur an dem hohen Ansehen, das der Wirtschaftsprofessor und frühere Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium allseits genießt. Müller-Armack warnt:

  • Die Konjunktur gehe in einem kumulativen Prozeß der Investitionsrückgänge weiter nach unten; 1968 werde es eine Stagnationskrise geben.
  • Nötig sei ein deficit spending in ganz anderen als den bisher von der Bundesregierung vorgesehenen Größenordnungen.

Eine noch gravierendere Behauptung Müller-Armacks ist in der Berichterstattung unbegreiflicherweise völlig untergegangen: „Eine öffentliche Verschuldung, die aus den Mitteln des Kapitalmarktes schöpft und damit die Senkung des Kapitalzinses verhindert, wird ihr Ziel nicht erreichen.“ Unverschlüsselt heißt das: Müller-Armack fordert, das deficit spending mit Notenbankgeld zu finanzieren. Hier feiert Schacht noch zu Lebzeiten Auferstehung.

Konzipiert wurden diese Ausführungen nicht als Zeitungsartikel sondern als Gutachten, dessen Überschrift lautet: „Konjunkturelle Aussichten und konjunkturpolitische Aufgaben für das Jahr 1968.“ Vor seiner Veröffentlichung in der ZEIT war es unter dem Datum vom 1. Juli zunächst einigen Bundesministern zugegangen. Wenige Tage später hat Bundeswirtschaftsminister Professor Schiller es dann bei den Kabinettsberatungen über die mittelfristige Finanzplanung verwertet. Angeblich war das Bundeskabinett von diesem Gutachten stark beeindruckt.

Ist Müller-Armack à jour?

Das Datum vom 1. Juli könnte darauf schließen lassen, daß Müller-Armack alle bis dahin veröffentlichten Berichte der Konjunkturinstitute berücksichtigt habe. Das ist jedoch offensichtlich nicht der Fall. Es wird ausdrücklich auf den Ifo-Bericht vom 16. Juni verwiesen. Von dem Ifo-Bericht vom 23. Juni ist keine Rede. Darin heißt es aber, daß der Eingang von Inlandsaufträgen bei der Investitionsgüterindustrie (welchem Indikator Müller-Armack mit Recht entscheidende Bedeutung beimißt) saisonbereinigt schon im Februar einen Wendepunkt aufwies und im März weiter nach oben gerichtet war. Sollte diese Feststellung zutreffen, so wäre damit die entscheidende Prämisse der Aussagen Müller-Armacks hinfällig – vorausgesetzt, daß die inländischen Investitionsaufträge seit April nicht erneut abwärts tendieren, was aber niemand weiß, weil die saisonbereinigten Zahlen nur in einem längeren Prozeß ermittelt werden können und daher noch nicht vorliegen.