Als de Gaulle mit seinen Ministern zur zehnten deutsch-französischen Konsultation in Bonn weilte, wurden bei Tisch schöne Worte gesprochen. Kiesinger, der deutsche Kanzler, ist ein beredsamer Mann und der französische Staatschef geradezu ein Künstler verbalen Ausdrucks. „Himmel, wir werden von einem Schriftsteller regiert“, so lautete der besorgte Stoßseufzer eines französischen Autors, als de Gaulle 1958 an die Macht gekommen war.

In dem Echo, das die Bonner Tischreden von voriger Woche fanden, klang Besorgnis mit: Wir hatten aus dem Munde eines Kanzlers gutes Deutsch gehört. Das beunruhigt uns tief. Da kann doch etwas nicht stimmen.

Nehmen wir beispielsweise Kiesingers Satz: „Ich bin froh, Herr Präsident, daß schon unsere ersten Unterhaltungen gezeigt haben, daß wir nach wie vor gewillt sind, in einer besonderen, herausgehobenen Weise zu arbeiten.“ Es ist klar: Herr Kiesinger ist wirklich froh darüber. Aber hätte er’s nicht anders sagen können? Etwa so: „Mit Genugtuung, Herr Präsident, stellten wir als Ergebnis schon unserer ersten Beratungen die nach wie vor vorhandene beiderseitige Bereitschaft zur speziellen deutsch-französischen Zusammenarbeit fest.“

Hätte er’s so gesagt – kein Mensch hätte angedeutet, daß es sich in Bonn um „Schönrednerei“ gehandelt habe. So aber werden wir wider unseren Willen veranlaßt, uns an gutes Kanzler-Deutsch zu gewöhnen. Wir waren entwöhnt; wir kannten’s lange nicht. Daher unser Mißtrauen; daher unser Schimpfwort „Schönrednerei“. Wann beherrschte zuletzt ein Kanzler meisterlich unsere Sprache? Stresemann beherrschte sie, wenn er wollte; Bismarck immer. Lang ist’s her.

Aber erst die schönen Worte, die de Gaulle in Bonn sagte! Seine Worte von der „besonderen Anziehungskraft“, die es zwischen dem deutschen und dem französischen Volk gebe, von der „Seelenverwandtschaft“, die vielleicht „auf unsere Herkunft, auf unsere Nachbarschaft“ zurückzuführen sei, auf „jene Hochachtung, die wir im Grunde unseres Herzens jeder für den anderen stets empfunden haben, was immer auch geschah.“

Schöne Worte! Und obendrein überkommt uns die Ahnung, daß alles dies im Original, im Französischen, ja noch viel schöner klingt. Was tun wir bloß – was tun wir bloß?

Und dann sagte de Gaulle sogar: „Wir Deutschen und Franzosen wissen, daß, wenn wir uns einig sind, kein großes Unglück geschehen kann, weder unseren beiden Völkern noch diesem Europa, das um uns ist. Aber wir wissen auch, daß, wenn wir getrennt sind, das Unglück schnell heranschreitet.“