Von Rudolf Walter Leonhard

Es war am Sonntag, dem 2. Juli, und ich ging die 8. Avenue hinunter. Hinter mir lag der Komplex des Lincoln Center, auf das gerade die Amerikaner stolz sind, die europäischen Geschmack am ehesten teilen, die Theater und Musik nicht nur reklameumwoben am Fernsehschirm erleben wollen. Es wäre unnötig unfreundlich, ihnen zu sagen, wie man die neue Met mit ihrem vergoldeten Chrom-Barock und den überdimensionalen Chagalls wirklich findet. Dafür ist das Vivian Beaumont Theatre ein architektonisches Juwel. Und der ganze Platz mit seinen Springbrunnen und seinen manchmal geöffneten Restaurants im Freien hat etwas liebenswert Großzügiges.

Wir Deutschen haben zur Met eine Lehmbruck-Statue beigetragen und eine Drehbühne. Aber die dreht sich nicht mehr. Warum, war nicht zu erfahren. Vielleicht ziehen die New Yorker Bühnenarbeiter Schiebebühnen vor.

Diese Bühnenarbeiter und ihre Gewerkschaft werden gefürchtet. Hatte es da nicht vor zwei Jahren eine riesige Konventionalstrafe gegeben, weil ein deutscher Regie-Assistent ein Requisit selber angefaßt und an seinen rechten Platz gestellt hatte?

Aber es kam anders. Ihre vielleicht größten Triumphe feierten die Hamburger hinter den Kulissen. Da brach eine große Verbrüderung aus zwischen amerikanischen und deutschen Technikern. Alle Sorgen schrumpften zu einer einzigen zusammen: am Morgen after thenight before einigermaßen ausgeschlafen zu sein. Denn die Nächte wurden lang.

Ein Wolkenkratzer vor mir strahlt 10.38, womit 22.38 Uhr gemeint ist, von der 24-Stunden-Einteilung des Tages halten die Amerikaner ebensowenig wie ihre ehemaligen Kolonialherren. Sie rechnen auch, gut englisch, Längen noch nach Fuß und Yard und Meilen und messen die Temperatur nach Fahrenheit. Die Temperaturangabe wird meist zusammen mit der Uhrzeit ausgestrahlt – und das hat seinen guten Grund. Welche Rolle Temperaturen in New York spielen, davon wissen alle ein Lied zu singen, die im Sommer einmal dort waren – also beispielsweise die Sänger der Hamburgischen Staatsoper.

Solange sie nur überhaupt noch singen können. Denn zum Schutz gegen die mörderische Hitze wurde hier ja zuerst jenes stimmenmordende Machwerk entwickelt, das so harmlos air conditioning, im Deutschen beinahe noch irreführender Klima-Anlage heißt.