Auf der Schulbank, zwei Jahre vor der Universität, hatte die Szene in Auerbachs Keller großen Eindruck auf mich und meine Klassenkameraden gemacht. Zwei Jahre später, so träumten wir, würden wir unsere Jugend genießen: von Kneipe zu Kneipe in lustiger Gesellschaft ziehen und wie Altmayer schreien: „Es lebe die Freiheit, es lebe der Wein!“ und wie Mephistopheles mäkeln: „Ich tränke gern ein Glas, die Freiheit hoch zu ehren, wenn Euer Wein nur ein bißchen besser wär’.“

Unsere Lehrer erzählten von den deutschen Studenten-Corporationen, deren Mitglieder – um sich gegenseitig ihren Mut zu beweisen – ihre Gesichter in die Säbel halten. Dies schien uns zwar ziemlich barbarisch, aber wir waren trotzdem beeindruckt. Was für Kerle!

Noch heute habe ich einen alten Kupferstich aus meinem Deutschlehrbuch in Erinnerung, der Auerbachs Keller darstellte: An einem Tisch, vor einer Kellersäule, wälzen sich vier Studenten und trinken aus Bechern Wein; im Hintergrund führt Mephisto gerade Altmayer in die Lokalität.

Als ich neulich die Treppe zu Auerbachs Keller hinabstieg, fand ich allerdings keine lustige Gesellschaft vor und auch keine düstere Atmosphäre. Der Keller ist heute ein sehr vornehmes Lokal, vor kurzer Zeit restauriert. Das Goethe-Faß wurde geöffnet und eine Kühlanlage eingebaut.

Der Ober trägt eine kurze Hose, lange Strümpfe, breite Lederschuhe und ein Hemd mit breiten Ärmeln aus Leinen, dazu eine Lederschürze. Ab und zu geht er zum Faß, greift in seine große Tasche, nimmt einen Schlüssel, dreht den Hahn auf und füllt Gläser und Schoppen mit einem gekühlten Weißwein, der angenehm zu Kopfe steigt. Er wirkt in seiner Kellermeisterkleidung aus dem 18. Jahrhundert etwas theatralisch.

Um Mitternacht öffnete er eine kleine Tür, die ich zuerst nicht bemerkt hatte. Der Ober führte die Gäste in einen geheimnisvollen unterirdischen Gang. Der erste Rektor der Leipziger Universität hatte ihn bauen lassen, um unbekümmert nach langen lustigen Nächten zur Vorlesung zu gehen. Heute ist dieser unterirdische Weg zur Universität versperrt. Wahrscheinlich auch ist der heutige Rektor kein fröhlicher Zecher. Viele der Leipziger Gäste im Lokal hatten übrigens diesen Weg nicht vermutet und auf der Schulbank nie davon gehört. Auch mein Lehrer hatte damals darüber geschwiegen.

An diesem Abend saßen in Auerbachs Keller, an einem langen Tisch, afrikanische Studenten mit ihrem deutschen Begleiter. An den vier anderen Tischen hatten gutangezogene und gepflegte Bürger Platz genommen, einige mit ihrer Familie, andere mit ausländischen Gästen.