Von Rolf Zundel

Bonn, im Juli

Es bedurfte schon eines psychologischen Tricks, um den jüngsten Besuch des französischen Staatspräsidenten am Rhein als Erfolg buchen zu können. In Bonn erinnerte man sich der tröstlichen Faustregel, daß Treffen, denen düstere Prophezeiungen vorausgehen, meist besser enden als erwartet, während Begegnungen, die mit Fanfarenstößen und Optimismus angekündigt werden, oft sehr unbefriedigend verlaufen.

An bösen Prophezeiungen hatte es diesmal nicht gefehlt. Hatte nicht in Bonn das Wort die Runde gemacht, der Kanzler sei über das selbstherrliche Auftreten de Gaulles während der Nahost-Krise verärgert und enttäuscht? Hieß es nicht, im Auswärtigen Amt herrsche Verstimmung, weil de Gaulle dem englischen Beitritt zur EWG nach wie vor hinhaltenden Widerstand entgegensetzt?

Vor dieser dunklen Folie der Erwartungen nahm sich der Besuch de Gaulles dann fast wie ein freundlich-sentimentales Rührstück aus. „Das Entscheidende ist, daß wir beisammen bleiben“, verkündete der französische Staatspräsident, und er fand eine „tiefgehende Seelenverwandtschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen. Mit Dankbarkeit registrierten die Gastgeber, daß de Gaulle einen Trinkspruch „auf das ganze Deutschland“ ausbrachte. Der Gast aus Frankreich war wahrlich nicht karg in seinen Huldbeweisen. Das Klima der Gespräche hätte freundlicher, freundschaftlicher nicht sein können.

Insofern unterschied sich die jüngste deutschfranzösische Begegnung von manchem früheren Treffen; die politische Übereinstimmung ist darum jedoch keineswegs größer geworden. In der Frage des englischen EWG-Beitritts hat de Gaulle keinerlei Zugeständnisse gemacht, im Gegenteil, seine Bedingungen sind noch härter geworden – etwa nach dem Motto: eher wird ein Kamel durch ein Nadelöhr kommen, als die Engländer in die auserwählte Gemeinschaft der guten Europäer. Und was die Nahost-Politik anlangt, so einigte man sich auf die unverbindliche Formel, beide Staaten seien an der Herstellung einer dauerhaften Friedensordnung interessiert. Eine gemeinsame Aktion aber wurde „nicht oder noch nicht“ ins Auge gefaßt.

In Zukunft freilich soll alles besser werden. Eine gemeinsame Kommission soll die wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit der beiden Länder fördern, ein Sonderbeauftragter soll die politische Kooperation überwachen, und eine geheime Studie soll die politisch-militärische Strategie der siebziger Jahre festlegen.