• „Der frühe Realismus in Deutschland 1800–1850“ (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum) „Klassizismus und Romantik“ war der Titel, unter dem Nürnberg im vergangenen Jahr den ersten Teil der Sammlung Schäfer ausgestellt hatte. Für diesen ergänzenden zweiten Teil standen viele Namen zur Diskussion: Biedermeier, Pleinairismus, Deutsche Malerei des Vormärz, Malerei der Restaurationszeit, Vorimpressionismus. „Realismus“ wird hier als die große Alternative zum Idealismus der klassizistischen und romantischen Malerei verstanden, die Maler verlassen die „ästhetische Kirche“, sie propagieren Profankunst statt Andachts-Kunst. Ausdrücklich warnten die Klassizisten an der Wiener Akademie die jungen Maler „vor dem gefährlichen Abwege in die Alltäglichkeit des Lebens“. Goethe tadelte an den Berliner Realisten, daß sie „Landschaft durch Aussicht“ verdrängten. Die komponierte, die ideale Landschaft erweckt „erhabene Gefühle“. Die Aussicht beschränkt sich auf das zufällige, reale Angebot beliebiger Dinge. Das Historienbild, würdiger Gegenstand der Erbauung, weicht dem Genre, Blick in die Alltäglichkeit kleiner Leute.

Die Sammlung Schäfer zeigt den frühen Realismus in einer Breite, die eilige Besucher ungeduldig macht. Die anerkannten Namen, die Künstler, die dem strengen Museumsstandard genügen, sind in der Minderzahl: Kobell, Blechen (mit zwölf Arbeiten, die ihn bis auf den „Blick aufs Meer“ nicht sehr gut repräsentieren), Dahl, der Freund und realistische Antipode von Caspar David Friedrich, Franz Krüger, Raisky (mit Kindergruppen und einer überraschend dramatischen Studie „Der Strolch“), Rottmann, Menzel (mit einer sehr bedeutenden Kollektion, die Sammlung Schäfer ist für ihre Menzels berühmt), schließlich Waldmüller und Spitzweg (mit dem bekannten „Bücherwurm“ und einer malerisch interessanteren impressionistischen Studie „Mädchen auf dem Baum“ aus dem Nachlaß). Um so reicher ist das Angebot der Kleinmeister, der vergessenen Lokalgrößen. Die Ausstellung ist nicht chronologisch, sondern nach lokalen Schulen aufgebaut: München, Wien, Dresden, Hamburg, Berlin, der Rest einschließlich Düsseldorf und Breslau firmiert unter Südwestdeutschland. Man sieht diese Bilder mit dem größten Vergnügen, sie sagen oft mehr über die Epoche als die Spitzenwerke, sie verraten gelegentlich eine malerische Noblesse, eine sehr persönliche, unbanale Auffassung. Die Thematik bleibt im Biedermeier, von den sozialen und politischen Problemen der Zeit gibt die Malerei des Vormärz keine Vorstellung.

Das „Familienbild“ von Albrecht Adam, die „Heimfahrt“ von Wilhelm Brücke, das „Truppenlager“ von Johann Baptist Seele, die Porträts von Heinrich Maria Heß gehören in das unausschöpfbare Reservoir unbekannter Meisterwerke, die vorübergehend ans Licht kommen, wenn ein Privatsammler seine Schätze öffentlich ausbreitet. Die Ausstellung dauert bis zum 1. Oktober. Der Katalog, ein Buch von 464 Seiten mit vielen wichtigen wissenschaftlichen Beiträgen, nimmt die Sammlung Schäfer zum Anlaß, den gesamten Komplex des frühen Realismus gründlich zu diskutieren. Gottfried Sello

„Rupprecht Geiger“ (Hannover, Kestner-Gesellschaft): Geiger ist ein Generationskollege von Barnett Newman, dem Amerikaner, der wichtigen Einfluß auf die „Haid-Edge-Malerei“ ausübte. Um so erstaunlicher, daß man in Deutschland immer noch auf die Meinung trifft, Geiger sei ein junger Maler. Der knapp Sechzigjährige mag das als Pluspunkt buchen und das „jung“ eher auf seine Malerei als auf seine Person beziehen.

Farbe setzt Form, das heißt, Geiger sucht nach den formalen Schemata, die einer Farbentwicklung auf dem Bild am geeignetsten entgegenkommen. Zumeist ist es ein in die Fläche gesetztes Rechteck, ein Kreis, ein vertikaler oder horizontaler Abschluß der Farbfläche kurz vor dem Bildrand. Farbe, das ist eine Farbe in ihren kalten und warmen Werten. Geiger selbst nannte die Verwendung der Farbe in seiner Malerei abstrakt. „Neue Farbdissonanzen schaffen neue Farbgesetze!“ – ihnen spürt Geiger nach, wenn auch nicht mit wissenschaftlichen Methoden, denn er glaubt nicht daran, daß Farbe rational erfaßbar ist. Farbgesetze werden für Geiger in den Veränderungen der Farbe zum Licht hin wirksam.

Die Arbeiten waren bis zum 16. Juli in schaft stellt etwa 50 Bilder, zahlreiche Siebdrucke und die Graphit-Zeichnungen zusammen. (Geiger hat für seine Zeichnungen eine meisterliche, originale Technik entwickelt, die aus unzähligen waagerechten Schraffuren mit dem Graphitstift besteht.) Für viele Besucher der Ausstellung werden sich Assoziationen von seinen Bildern zu Erlebnissen solcherart ergeben, wie sie Gagarin nach dem ersten Wostok-Flug schilderte, als das Raumschiff aus dem Erdschatten ausgetreten war und die Sonne anpeilte: „Die Sonnenstrahlen durchdrangen die Erdatmosphäre, der Horizont färbte sich grell orangefarben und spielte dann in Hellblau, Violett und Schwarz hinüber.“ Geiger weiß um solche Assoziationen und rechnet mit ihnen.

Die Arbeiten waren bis zum 16. Juli in Hannover zu sehen und werden vom 4. August ab erweitert um einige große Formate, in der Kunsthalle Düsseldorf gezeigt.

Jürgen Claus