In Berlin wird zur Zeit von Studenten und Assistenten der Freien Universität über eine Einrichtung beraten, die der Diskussion um Studien- und Hochschulreform einen ganz neuen Akzent gibt: die „kritische“ oder „Gegen-Universität“, die ihre Vorlesungen und Seminare mit dem kommenden Wintersemester beginnen soll, obwohl über Organisation und etwa auch die Frage der Lehrenden bislang noch keineswegs Übereinstimmung unter den Gründern herrscht.

Wollte man es sich einfach machen, so ließe sich der Plan, eine „andere“ Universität zu gründen, durch den Hinweis auf das Scheitern der ersten deutschen Gegen-Universität, nämlich der FU selber, erledigen.

Die Frage allerdings stellt sich, ob das, was bisher über das neue Berliner Unternehmen bekannt geworden ist, nicht im Grunde der Forderung der Studenten einmal nach Demokratie und zum anderen nach Kooperation innerhalb der Hochschule ins Gesicht schlägt.

Damit wenigstens ihrer Forderung nach Öffentlichkeit, der sich die jungen Gründer bislang zu sehr entzogen haben, Recht wird, sollte die Diskussion aus den Räumen des Republikanischen Clubs herausgenommen werden – dies schon deshalb, damit die so sehr Bemühten nicht in den Verdacht kommen, wieder einmal nichts als eine Gruppe von Verschwörern zu sein.

Die Grundlage der im Augenblick stattfindenden Unterhaltungen ist eine von Wolfgang Nitsch, Mitarbeiter am Institut für Bildungsforschung, ausgearbeitete „Argumentation für eine von Studenten selbst organisierte ‚kritische Universität‘ in der FU (freies Studienprogramm der Studentenschaft)“.

„Die Studenten und Assistenten“, so heißt es dort, „die in der Woche nach dem 2. Juni erlebt haben, daß man außerhalb des offiziellen bürokratischen Lehrbetriebs die Analyse und die wissenschaftliche Diskussion wesentlicher gesellschaftlichen und lebenspraktischer Fragen in Einheit von Theorie und Praxis vernünftiger und interessanter selbst organisieren kann und die vielfach zum erstenmal ihre Isolierung überwunden und andere Kommilitonen gefunden haben, mit denen sie spontan und solidarisch zusammenarbeiten konnten, sollten diese Erfahrung der Emanzipation vom Objekt zum Subjekt von Lernprozessen nicht in private Formen versickern lassen, sondern auch über diese Woche hinaus die subjektive Emanzipation vom herrschenden Lehrbetrieb als kooperative Bewegung in der Öffentlichkeit in und außerhalb der Universität fortsetzen.“

Der Inhalt der geplanten Veranstaltungen – von denen noch nicht sicher ist, welcher Gattung des Universitätsbetriebes sie zuneigen werden – wird bestimmt von dem die Studenten verwirrenden Auseinanderklaffen von „Theorie und Praxis“ an der bestehenden Universität. Die Gründer der „kritischen Universität“ denken sich als Themen etwa: Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, Psychomatische Medizin, Gesundheitspolitik, Hochschuldidaktik, Notstandsfragen, Aufklärung der Bevölkerung...