Von Karl Heinz Wocker

London, im Juli

Die ersten tausend Tage Wilsons sind vorüber. Der englische Regierungschef gab sich erstaunt, als er in den Zeitungen las, nun amtiere er schon tausend Tage. Die 17 Monate seiner ersten Regierungszeit hatte er offensichtlich nicht mitgezählt. Damals betrug die Parlamentsmehrheit nur drei Stimmen – eine Übergangsphase. Dann aber, als er eine ansehnliche Majorität hinter sich hatte, mußte er das Land – und die eigenen Pläne – in die Zwangsjacke einer rigorosen Deflation stecken. Mag er im Juli 1966 gehofft haben, das „eigentliche“ regieren werde eben einfach zwölf Monate zurückgestellt werden müssen, so ist er im Juli 1967 klüger, Strukturkrisen wie die englische richten sich in ihrer Dauer nicht nach kalendarischen Zeitmaßen. Anders ist es mit den Legislaturperioden.

Wenn Wilsons zweite tausend Tage abgelaufen sein werden, im April 1970, geht das Unterhaus in sein letztes Jahr vor der Wahl. Bis dahin muß sich die Situation der Regierung entscheidend verbessert haben, oder die Labour-Leute werden den Tories weichen müssen. Mit anderen Worten, die Politik der nächsten zweieinhalb Jahre darf nicht die gleiche sein wie bisher.

Das Handikap Wilsons liegt nun darin, daß seine Fehlschläge meist aus einer Politik des Zögerns, oft auch aus dem Entschluß zum Nichthandeln resultieren. Es entspricht dies seiner Veranlagen, Vorsicht walten zu lassen. Die Parolen von der „dynamischen Politik“, die man mit Labour erleben werde, haben nicht nur Wilsons Wähler, sondern vor allem ihn selbst überzeugen sollen, sie waren so sehr Autosuggestion wie Massenvehikel.

Es kann sein, daß „Wunder-Harolds“ Regime sich geruhsam im Sande verläuft, so endete vorher auch „Super-Mac“. Wie Macmillan brachte auch Wilson viele gute Startbedingungen mit: eine nach voraufgegangenen Führungswirren befriedete (durch ihn geeinte) Partei, einen gewissen Ruf als Administrator, eine Meisterschaft als versierter Debattierer im Unterhaus und eine nach kurzer Einarbeitungszeit überzeugend gewonnene Wahl. Macmillan aber hatte zwei Jahre nach seinem Sieg von 1959 eine schwere Wirtschaftskrise zu bestehen; von da an ging es rasch abwärts, nach zwei weiteren Jahren kam sein Rücktritt.

Wer Macmillan heute sieht, fragt sich, wieso er nicht im Amt blieb. Wer Wilson kennt, weiß, daß er nie wegen der Bettgeschichte eines Ministers zurücktreten würde – er nicht. Hier beginnen die Unterschiede. Wilson besitzt das Zeug zum Staatsmann. Ein Weltmann wie Macmillan wiid er nie werden; den rechten Zeitpunkt zum Abtreten wird er verpassen, aus angeborenem Zögern, aus Vertrauen auf seine Schlauheit, aus überzeugter Rechthaberei. Die Engländer werden es mit Wilson länger aushalten müssen, als mit irgendeinem anderen Politiker seiner Generation, Edward Heath eingeschlossen.