Dieter Ross: Hitler und Dollfuß, die deutsche Österreichpolitik 1933–1934. Leibniz Verlag, Hamburg, 340 S., 25,– DM.

Zu Hitlers Hauptzielen gehörte von Anfang an die Vereinigung Österreichs mit Deutschland – ein Vorhaben, bei dem er mit der Zustimmung der Majoritäten in beiden Ländern rechnen konnte. In Deutschland die soeben errungene, noch nicht gefestigte Macht zu behaupten, in Österreich die legal amtierende Regierung durch eine nationalsozialistische zu ersetzen, dabei weder Mussolini noch die Westmächte allzu sehr zu verärgern – das konnte keine leichte Aufgabe sein. Daß Hitler ihr beim ersten Anlauf nicht gewachsen war, bewies das Fiasko vom 25. Juli 1934: Die österreichische Regierung schlug den nationalsozialistischen Putsch nieder, der Mord an Dollfuß ging klar auf Hitlers Schuldkonto, die diplomatische Intervention der europäischen Großmächte erreichte für kurze Zeit die völlige Isolierung Hitlers und seiner Regierung.

Ross, ein jüngerer Hamburger Historiker, hat in einer sorgsamen Studie die einzelnen Phasen der deutschen Österreichpolitik nachgezeichnet und den Mißerfolg beim ersten Anschlußversuch verständlich zu machen versucht. Er meint, es habe das einheitliche Konzept gefehlt. Statt des Zusammenwirkens von Auswärtigem Amt und Parteiführung habe eine Rivalität beider Instanzen geherrscht. Dank dieser gegenseitigen Behinderung in Deutschland habe Bundeskanzler Dollfuß seine Stellung stärken können. Die österreichischen Nationalsozialisten glaubten sich von Hitler verlassen. So entstand bei ihnen hastig improvisiert der Plan einer Gewaltlösung, einer „Flucht nach vorn“ – nicht bei Hitler, dessen Politik dadurch geradezu behindert und erschwert wurde.

Ross ist der Auffassung, die Österreichpolitik sei weder ein früher „Modellfall nationalsozialistischer Außenpolitik“ noch ein wohlüberlegtes und geplantes Element in Hitlers gesamter Expansionspolitik gewesen. Vielleicht hätte der Verfasser seine Ansicht ein wenig modifiziert, wenn er sich nicht so eng auf seinen „Fall“ beschränkt, sondern Hitlers Österreichpolitik im Rahmen der allgemeinen Außen- und Innenpolitik betrachtet hätte. Erst das Schicksal der reichsdeutschen SA am 30. Juni (beim sog. Röhmputsch) 1934, also wenige Wochen zuvor, erklärt die sonst unverständliche Passivität der österreichischen SA im Juli-Putsch: Sie war vom Schrecken gelähmt und richtungslos.

Ein solcher Einwand ändert freilich nichts daran, daß Ross eine vorzügliche Untersuchung über die Anfänge von Hitlers Eroberungspolitik vorgegelegt hat. Hitlers Ziele waren zunächst nur schwer zu erkennen. Er ging sogar so weit, Dollfuß’ Tod zu bedauern – nicht weil der österreichische Kanzler ermordet worden war, sondern, wie Göring später im Nürnberger Prozeß erklärte, weil „das politisch für die Nationalsozialisten eine sehr schwer tragbare Angelegenheit war, besonders im Hinblick auf Italien“. Hitler, dem vom Reichspräsidenten und Reichskabinett gerade bescheinigt worden war, daß sein Verhalten bei der Ermordung der deutschen SA-Führer rechtens gewesen sei und er daher den Dank des Vaterlandes verdiene, kam es auf einen Mord mehr oder weniger nun schon nicht mehr an.

Wilhelm Treue