HjS, Bukarest, im Juli

Willy Brandts Bukarestreise, die ursprünglich für den Frühherbst geplant war, ist überraschend auf den 3. August vorverlegt worden. Von Terminschwierigkeiten wurde gemunkelt, aber politisch war es nicht nur Bonn, sondern mehr noch Bukarest daran gelegen, die Reise des Außenministers nicht mehr allzulange hinauszuschieben und den Besuch des rumänischen Außenministers Manescu vom Februar schnell zu erwidern. Es scheint, daß die Rumänen entschlossen sind, das heiße Eisen, das sie mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Bonn angefaßt haben, weiter zu schmieden – ungeachtet der Gefahr, daß nicht nur ihre kommunistischen Verbündeten, sondern auch sie selbst sich daran die Finger verbrennen könnten.

Eine Woche vor Brandts Besuch wird die rumänische Nationalversammlung zum erstenmal über Außenpolitik debattieren. Manche Beobachter erwarten spektakuläre Formulierungen der rumänischen Unabhängigkeit, vielleicht auch eine Initiative in der europäischen Sicherheitsfrage. Westliche Berichte, nach denen sogar ein Austritt Rumäniens aus dem Warschauer Pakt bevorstehen soll, gehören jedoch ins Reich der Fabel. Bukarest wird sich vom östlichen Bündnissystem, dessen begrenzten Wert auch Parteichef Ceausescu jüngst betonte, nicht viel weiter entfernen als General de Gaulle vom westlichen.

Wie lieb es den Rumänen dabei wäre, nicht ganz allein zu bleiben, beweist die Aufmerksamkeit, die sie der Prag-Reise von Brandts Sonderbotschafter Egon Bahr schenken, wie sie überhaupt jeden Versuch der Bundesregierung, die – nicht nur sommerliche – Flaute ihrer Ostpolitik zu überwinden, genau beachten. Minister Brandt wird freilich gut daran tun, nicht allzuviel Wind in die stolzen Segel der Rumänen zu blasen. Denn glaubwürdig machen muß sich die Bonner Ostpolitik vor allem in jenen östlichen Hauptstädten, in denen man den Bukarester Ausflug des Ministers mit mißtrauischen Blicken verfolgen wird.