Von Joachim Schwelien

Washington, im Juli

Seit drei Jahren herrscht ein permanenter Bürgerkrieg zwischen dem weißen und dem schwarzen Amerika. Doch noch nie ging es dabei so gewalttätig zu wie jüngst in Newark. In dieser Stadt, unweit New York, begann es – wie schon vor zwei Jahren in Watts an der Westküste – mit einem ganz alltäglichen Zwischenall: Polizisten nahmen einen farbigen Taxifahrer Fest. Newark, im Staat New Jersey hat 400 000 Einwohner und ist eine der wenigen nördlichen Großstädte mit einer knappen schwarzen Bevölkerungsmehrheit. Die sozialen, die Schul- und Wohnverhältnisse der Farbigen sind schlecht, aber auch nicht schlechter als die in vielen anderen Städten.

Bürgermeister Hugh Addonizio, Sohn italienischer Einwanderer, der auf die Stimmen der Farbigen und der Italo-Amerikaner angewiesen ist, gibt sich als ein liberal-fortschrittlicher Demokrat. Er tut für das farbige Getto, was er kann. Auch gibt es in Newark ein „Human Relations Board“, wie die feinsinnige Umschreibung für jene gemischten Ausschüsse von Farbigen und Weißen lautet, welche die Spannungen zwischen den Rassen überbrücken sollen. Bislang hatte es keine schwerwiegenden Spannungen in dieser Stadt gegeben. Die Kluft zwischen Schwarzen und Weißen war hier gleich groß, wie in Chikago, in Los Angeles oder in Detroit.

Auch in Newark fehlt die Kommunikation zwischen den Rassen völlig; in dieser Stadt wie in allen großen Gemeinden der USA hat sich das weiße Wohlstandsbürgertum in die behaglichen Vororte zurückgezogen und Downtown, den alten Stadtkern, den Negern überlassen. Und in ihm brüten sie, isoliert von den Glücksgefilden des weißen Mittelstandes, über ihre Plagen nach: die sechzehn Prozent Dauerarbeitslosen, die verwahrlosten Jugendlichen in schäbigen Schulen, die Almosenempfänger des Feldzugs gegen die Armut, die Deklassierten, die Mißachteten und Ausgestoßenen – die Gemeinde des schwarzen Gettos von Amerika.

Und dann wirkt die Festnahme eines Taxifahrers vor dem Polizeirevier als Funken, der den Slum wie Zelluloid in knisterndem Brand aufflammen läßt. Eine aufgebrachte Menge Halbwüchsiger umringt die Polizisten, die Fensterscheiben des Reviers gehen in Trümmer, die Uniformierten stürmen heraus, die Schlagstöcke in den Fäusten, und prügeln wahllos auf Demonstranten, Randalierer und Passanten ein. Für Newark waren fünf lange Nächte des Aufruhrs, der Brandstiftung und des Plünderns angebrochen. Die Stunde der Heckenschützen war gekommen, die aus Fensternischen und von Dächern feuerten, die Funkwagen der Polizei und die Jeeps der Nationalgarde mit Molotowcocktails bewarfen.

Es war kein organisierter Aufstand, eher der tobende Ausbruch eines Vulkans, der wieder erlosch, wenn auch die Lava in seinem Inneren weiterbrodelt; keine Revolution, kein Versuch, die bestehende Ordnung mit Gewalt zu stürzen und eine andere an ihre Stelle zu setzen, dennoch ein Bürgerkrieg. Seine Wurzeln reichen dreihundert Jahre zurück, als aus Afrika Sklaven importiert wurden. Neben einigen Siedlerfamilien Neuenglands und Virginias können die Nachkommen dieser schwarzen Sklaven für sich beanspruchen, die generationsältesten Amerikaner zu sein, Amerikaner freilich, denen die Rechte des Amerikaners vorenthalten werden.