Kritisch auf der Galerie, enthusiastisch auf Reisen

Ein Opernfan oder Opernnarr, oder wie immer man’s nennen mag, wird man durch die Oper. Und nicht etwa durch Rundfunkpotpourris. Meine erste Oper, als Ersatz für das alljährliche Weihnachtsmärchen, hörte ich mit zehn Jahren: „Hänsel und Gretel“ von Humperdinck. Seitdem habe ich einige hundert Aufführungen erlebt; ich zähle sie nicht mehr. In den nächsten Tagen packe ich die Koffer für Bayreuth, Salzburg, Verona. Wir packen; denn es gibt viele Opernfans oder Opernnarren, wenn auch nicht so viele, daß man sich nicht im Laufe der Zeit vom Sehen und Grüßen und schließlich in langen Meine-Oper-deine-Oper-Gesprächen kennenlernt.

Warum ich ein Opernfan wurde? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob man „Fan“ oder „Narr“ sagen sollte; die englische Slang-Abkürzung „Fan“ nimmt dem Wort „Fanatiker“ immerhin den brutalen Ernst. Also, ich bin ein Opernfan, der sich mit fünfzehn Jahren, als die Eltern bei soviel Opernbegeisterung nicht mehr schritthalten mochten, selbständig gemacht hat. Damals war gerade das Haus der Hamburgischen Staatsoper an der Dammtorstraße neu eröffnet worden. Und seit mehr als zehn Jahren bin ich nun drei- bis viermal in der Woche die vielen Treppen zum obersten Rang emporgestiegen.

Die Frage drängt sich auf: Warum tut man das? Was ist das überhaupt, ein Opernfan? Gewiß, der Opernfan liebt die Oper mit ihren Stärken und nicht weniger mit ihren Schwächen, er lebt und leidet vom „Olymp“ aus mit den Künstlern auf der Bühne, er nimmt an allem Anteil, was um die Bühne herum und hinter den Kulissen geschieht, und selbstverständlich horcht er auch neugierig aufs Kulissengeflüster. Das erklärt manches, sicherlich nicht alles. Sicherlich sind wir Opernfans, wir jungen und jüngeren besonders, der „Motor“ vieler Aufführungen.

Sind wir ungerecht?

Vor einigen Jahren hat man in Hamburg von einer „Diktatur des Olymps“ gesprochen, wurde uns Opernfans auf den billigen Plätzen vorgeworfen, daß wir ungerecht seien; und in all der Aufregung wurde immerhin klar, daß wir eine „Macht“ sein können. Natürlich können wir unbequem sein. Dann nämlich, wenn wir Kritik an einer schlechten Leistung oder Aufführung üben. Wir haben fast jede Oper viele Male gehört und gesehen und können uns auf die Sänger und das Orchester konzentrieren. Und vor allem können wir vergleichen; der Vergleich erst macht für uns den Opernabend vollends interessant.

Das Publikum wechselt ständig. Wir aber, die Opernfans und Opernnarren, gehören sozusagen zum Inventar. Wir sitzen oder stehen auf dem obersten Rang. Die Bühne ist weit entfernt. Auf den Seitenplätzen und in den Logen ist die Sicht behindert; was man von der Dekoration, für die Perspektive der Parkettbesucher geschaffen, nicht mehr sehen kann, malt man sich phantasievoll aus. Die Unvollkommenheit des „Olymps“, meine ich, stehe irgendwie in Beziehung zu jener Unvollkommenheit überhaupt, durch die eine Oper charakterisiert wird. Die Oper ist die Kunst, die wohl am meisten von menschlichen Faktoren abhängig ist; der Zwang zur Hier-und-Jetzt-Leistung für die Künstler läßt die Oper nie langweilig werden. Ohne den Enthusiasmus der Opernfans, ohne ihren Beifall aber würde einer Vorstellung nicht selten das Fluidum fehlen.