Von Ben Witter

Wenn eine Prostituierte zweiundfünfzig ist...“, Fräulein Edith Wilde, die Leiterin der weiblichen Schutzpolizei auf der Hamburger Davidwache, schaute durchs Fenster im dritten Stock und suchte sich eines der Dächer aus, wo sie mit ihren Blicken lange blieb, „... findet sie höchstens noch einen Mann, der für ihr Geld ein Taxiunternehmen gründen will und sie in lauen Zeiten wieder auf die Straße schickt.“ Fräulein Wilde rührte in ihrem Tee, die Tasse war aus weißem Steingut, kurz und geriffelt; dünnes Porzellan hätte den kräftigen Fingern geschmeichelt, die fest, erfahren und zuverlässig bestimmt schon alles mögliche angefaßt haben.

Selten trägt Fräulein Wilde ihre Uniform. Das Maßkostüm gibt ihr auch Halt. Ich stelle sie mir in einem Seidenkleid vor und eine fünfzehnjährige Herumtreiberin dazu, die gerade ihre Redensarten anbringt.

Seit über einundzwanzig Jahren ist Fräulein Wilde abfällige Redensarten gewohnt; inzwischen gibt es neue Redensarten, sie wechseln ständig. Die Anzeige einer Hausgemeinschaft, die sich darüber beschwerte, daß eine Frau Kinder, die vor ihrem Fenster spielten, mit den unflätigsten Redensarten überhäufte, war Fräulein Wildes erster Fall. Sie mußte die Frau vorladen und sagte: „So spricht man doch keine Kinder an, das zeugt von wenig Erziehung.“ „Sie reden von wenig Erziehung“, schimpfte die Frau, „mich hat man lange genug erzogen, sechs Jahre bin ich in einer Erziehungsanstalt gewesen ...!“ Fräulein Wildes Blicke ziehen Rechtecke auf dem Tischtuch.

„1945 wollte ich Berufsberaterin werden, das Arbeitsamt war aber nicht in der Lage, mich zu vermitteln. Ich schilderte noch einmal meinen Lebenslauf, hob das praktische Jahr als Kindergärtnerin auf St. Pauli hervor und den Besuch des Sozialpädagogischen Institutes. ‚Das sind günstige Voraussetzungen für eine angehende Polizistin‘, hieß es und nach dreimonatiger Ausbildung meldete ich mich zum Dienstantritt auf der Davidswache. St. Pauli faszinierte mich, die dreckigen Häuser und was da nie mehr herausging und das ganze prickelnde, undefinierbare Getue. Heute findet man hier keine Originale mehr, einer sieht dem anderen ähnlich; von Ganovenehre wissen sie nur soviel, daß es ein Film war mit Plüsch ...“

Ein Zuhälter konstruierte einen „Nutten-Handschuh“. Er nähte stehende Rasierklingen in das Leder. Brachte ihm sein Mädchen nicht genug, zog er den Handschuh an. Das Mädchen war siebzehn.

Meistens sind es sechzehn- und siebzehnjährige Mädchen, die schiefliegen. Eine richtete Fräulein Vilde wieder auf, sie kam ins Krankenhaus und sagte danach: „Es geht wohl bald wieder schief.“ „Du kannst immer wiederkommen“, sagte Fräulein Wilde. Dreimal kam sie. wieder, dann heiratete sie. Nun ist sie zum zweitenmal verheiratet und schreibt gelegentlich.