Neuenkircben/Lüneburger Heide

Gleichgültig aus welcher Himmelsrichtung man sich in diesen Wochen dem kleinen, tausendsechshundert Seelen großen Heidedorf Neuenkirchen auch immer nähert, an den Ortseinfahrten steigt man stärker auf die Bremsen als es normalerweise geboten erscheint. Vorausgesetzt, daß man Verkehrs- und anderen Schildern überhaupt noch irgendwelche Beachtung schenkt.

Was sich dem motorisierten Heidebesucher am Ortseingang bietet, mutet auf den ersten Blick wie Verkehrsschilder an, die an das schlechte Gewissen all derer appellieren, die von Glück reden können, daß sie ihre Fahrprüfung bestanden haben. Und wer wollte von sich behaupten, daß er sie alle im Kopf hat, die Bedeutung der runden, drei- und viereckigen Gebots-, Verbots-, Warn- und Hinweishieroglyphen der Straßenverkehrsordnung?

Der Streich mit den Schildern, den sich die Bürger von Neuenkirchen in der Lüneburger Heide erlauben, bei dem sie zumindest mitspielen, zählt zu dem ungewöhnlichsten und liebenswertesten, das sich zur Zeit auf dem Felde zeitgenössischer Kunst in der Bundesrepublik tut. Die ominösen Schilder an den Einfahrten des kleinen Heidedorfes dienen keinem geringeren Zweck, als auf die Ausstellung des jungen Künstlers Winfried Gaul neugierig zu machen. Und der macht auch keinen Hehl daraus, daß er sich in seiner Malerei von Verkehrsschildern inspirieren läßt.

Aber aufregender noch als die Kunst von Winfried Gaul ist, daß es ein kleines Heidedorf wie Neuenkirchen auf sich genommen hat, für abstrakte Signalbilder die Werbetrommel zu rühren und sich in die Phalanx der Avantgarde einzureiben.

Wie es dazu gekommen ist? Dem Kunsthändler Wilm Falazik, der sich seit etwa einem Jahrzehnt den Luxus einer Galerie in Bochum leistet, pachtete vor Jahresfrist ein altes Bauernhaus in Neuenkirchen. Der Zufall wollte es, daß er an einen Verpächter geriet, der für die „verrückten“ Ideen eines Galeristen sehr viel mehr Verständnis zeigte, als man es normalerweise von einem Heidebauern erwartet.

Der brave Mann, der sich vordem glücklos in der Aufzucht von Schweinen, Kühen und Kartoffeln versucht hatte, half seinem Pächter Falazik den Kuhstall zu weißen und für die Aufhängung von Bildern herzurichten. An der gleichen Stelle, an der die Bauersfrau noch vor drei Jahren Kühe gemolken hatte, präsentieren sich dem Besucher heute abstrakte Bilder. In der gleichen Ecke, in der vor kurzem noch das letzte Pferd des Heidehofs wieherte, wird der Besucher heute mit einem Gaul, einem Signalbild des Kunstmalers Winfried Gaul, konfrontiert. Das nenne ich Veredelungswirtschaft...