Von Karl-Heinz JanBen

Im Nahen Osten ist aus dem Blitzkrieg ein Sitzkrieg geworden. Vorige Woche herrschte die von der UN verordnete Waffenruhe nur noch auf dem Papier. Am Suezkanal und am Jordan wurde heftig geschossen. Luftkämpfe, Seegefechte und Artillerieduelle waren an der Tagesordnung.

Mittlerweile sind auf beiden Seiten des Kanals UN-Posten aufgezogen, aber sie haben nur die Funktion der Feuerwache, nicht der Feuerwehr. Nichts deutet auf einen israelischen Rückzug hin, im Gegenteil: Nach Vollendung ihrer Wasserpipeline von Negev bis Suez scheinen sich die Israelis auf eine unabsehbar lange Besetzung der Sinaihalbinsel einzurichten. Aber alle blutrünstigen Reden der Araber vermögen den peinlichen Umstand nicht zu verbergen, daß Nassers Streitkräfte den Feind nicht von den Toren Port Saids und Kairos vertreiben können.

Nasser liegt heute ebenso an der Leine einer Großmacht wie der geschlagene Feldherr Tschiang Kai-schek auf Formosa. So wie im Fernen Osten die 7. US-Flotte ihren Schützling von unbedachten Abenteuern abhält, demonstriert im Nahen Osten die sowjetische Mittelmeerflotte in den ägyptischen Häfen, wes Gnadenbrot der gedemütigte Nationalheld der Araber essen muß.

Das ägyptische (und auch das syrische) Volk hat noch immer nicht das Ausmaß der Niederlage erfahren; es wird in dem Glauben gehalten, die Araber hätten nicht den Krieg, sondern nur eine Schlacht verloren. Tatsächlich aber muß Ägypten nach dem militärischen auch noch den wirtschaftlichen Ruin gewärtigen: Die Touristen bleiben fern, die Suezkanalgebühren fallen aus. Hinter den Kulissen reden die Sowjets den Arabern unentwegt zu, den Suezkanal wieder zu öffnen und den Ölboykott gegen die Westmächte aufzuheben.

Die Sowjets haben allen Grund dazu. Das Hilfsbegehren der Araber traf sie in einem denkbar ungünstigen Moment, da sie ihre Lieferungen für Nordvietnam drastisch erhöhen mußten und außerdem unter der Belastung durch die Kuba-Hilfe stöhnen. Die neue Nahost-Konferenz der Ostblockstaaten in Budapest, die den Arabern großzügige Hilfe in Aussicht stellte, scheint diese Sorgen der Sowjets eher noch zu unterstreichen. Moskau muß bestrebt sein, die Lasten auf die Schultern seiner Satelliten zu verteilen.

Jedoch: ob sie will oder nicht – die Sowjetunion kann ihre arabischen Freunde jetzt nicht sitzenlassen. Mehr denn je bedürfen sie des Zuspruchs. Solange sich die Israelis um die Abstimmungen in der UN-Vollversammlung nicht scheren, solange die Westmächte unter dem Ölboykott der Araber nicht in die Knie gehen, muß Nasser ohnmächtig mitansehen, wie sich die Israelis am Suezkanal häuslich einrichten (man munkelt bereits von Verhandlungen mit italienischen Ölfirmen über die Ausbeutung der Sinai-Ölfelder) und sich sogar erkühnen, auf dem Kanal mit Schnellbooten herumzufahren.