Von Wolfram Siebeck

Verführung durch Reklame, durch suggestive Formulierungen und eindringliche Slogans, die Macht des Wortes also, ist selten so eindeutig bewiesen worden wie in diesen Tagen in Berlin. Dort las ein 21jähriger Student das Flugblatt der Horror-Kommune und fühlte sich prompt zur Brandstiftung aufgefordert. Unwiderstehlich trieb ihn der Text („Ab heute geht er in die Konfektionsabteilung und zündet sich diskret eine Zigarette an“) zum nächsten Kaufhaus. Schon schien das Schicksal dieses neuen van der Lübbe besiegelt, da führte ihn der Weg, gottlob, an einer Polizeiwache vorbei. Mit letzter Willensanstrengung entzog sich der Student dem Bann der Worte, stellte sich der Polizei und lieferte die Streichhölzer ab. Dann erstattete er Anzeige wegen Aufforderung zur Brandstiftung gegen seine Kommilitonen, die Flugblattverteiler.

Der brave Junge! Wie beneide ich ihn um seine Widerstandskraft, wie bewundere ich seine Charakterstärke! Das ist das Holz, feuerresistent, aus dem ich leider nicht geschnitzt bin.

*

Hatte ich doch erst kürzlich einem Rat meines Wochenhoroskops nicht widerstehen können. „Seitensprünge lohnen nicht“, wurde mir bedeutet, und blindlings glaubte ich zehn Tage lang diesem suggestiv formulierten Slogan und verhielt mich entsprechend. Ach, hätte ich doch die Kraft des jungen Studenten gehabt, vieles wäre mir erspart geblieben! Denn schon nach drei Tagen begann meine Freundin meine Frau telephonisch zu beschimpfen, nach einer Woche kündigte mir der Mann meiner Freundin die Freundschaft, und am zehnten Tag schließlich überfiel sie mich hinter der Feinkostgondel eines Supermarktes. Nun überlege ich, ob ich nicht Anzeige gegen den astrologischen Ratgeber meines Wochenblattes erstatten soll. Wegen Anstiftung zur Erregung öffentlichen Ärgernisses. Aber mein Anwalt hat Bedenken. Das Gutachten der Sachverständigen über die Berliner Flugblätter („Literarische Texte, wenn auch minderwertig, satirisch gemeint und als solche nicht zu verkennen“) träfe zweifellos auch auf die astrologische Empfehlung zu.

Satire hin, Satire her, irgendein Ahnungsloser wie ich findet sich immer, der die Feststellung „Seitensprünge lohnen nicht“ ernst nimmt.

Gerade lese ich im „Spiegel“ eine annoncierte Aufforderung des „sing-out Deutschland“ aus. Castrop-Rauxel. „Erst denken – dann demonstrieren!“ heißt es da.

Nein, dieses Mal legt ihr mich nicht ’rein; ihr Spaßvögel: sing-out und demonstrieren – das ist doch nicht zu verkennende Satire! Vom Denken ganz zu schweigen.