Von Helmut Hölscher

Selten war das Lindauer Wetter so schön wie bei dieser 17. Tagung der Nobelpreisträger, und selten verlangten die Referate einen so hohen Grad von Aufmerksamkeit und Fachverständnis. Selbst Chemietheoretiker gaben im vertraulichen Gespräch zu, sie hätten den Worten ihrer Fachkollegen nicht immer in allen Einzelheiten folgen können, zumal das Vorbeihuschen von Dias, die die gute alte Wandtafel immer mehr zu ersetzen scheinen, nur den wahren Adepten sekundenschnelle Einblicke vermittelte und höchstens Anreiz sein konnte, das Gehörte zu Hause in Gelesenes zu verwandeln.

Den Höhepunkt in dieser Hinsicht bot der Bericht des jüngsten der Laureaten, des neununddreißigjährigen Harvard-Professors James D. Watson, der mit der Abstraktion des Gebotenen eine Sorglosigkeit der Darbietung verband, die fast alle seiner Zuhörer, einschließlich der Dolmetscherin, die Waffen strecken ließ. Watson stellte in seinem Bericht über die Nukleinsäuren der Bakteriophagen unvollendete Sätze mit halbausgesprochenen Schlußfolgerungen in den Raum, wandelte monologisierend vom Mikrophon weg und machte sein Auditorium weidlich schwitzen, was bei der Außentemperatur sowieso kein Wunder war.

So war es fast eine Erholung, als Professor Harold C. Urey die schöne Lindauer Bühne bestieg und in ungewöhnlich gepflegter Diktion, immer den Kontakt mit seinen Zuhörern suchend und findend, in weite Räume abwanderte.

Er verstand es wie sonst nur noch der Senior der Lindauer Vortragenden, der Züricher Emeritus Leopold Ruzicka, ein gebildetes Laienpublikum zu fesseln. In dem dem Vortrag Ureys folgenden Gespräch gab der vierundsiebzigjährige Gelehrte dann auch zu verstehen, er habe es nicht für seine Aufgabe gehalten, ein Sonder-Seminar für Privatdozenten abzuhalten, vielmehr habe er die Absicht gehabt, die Erkenntnisse der letzten Jahre auf seinem Gebiet einer aufgeschlossenen, aber fachlich nicht vorgebildeten Zuhörerschaft zu vermitteln. Just das hatte den Initiatoren der Lindauer Nobelpreisträgertagung vorgeschwebt, als sie vor siebzehn Jahren die Zusammenkünfte aus der Taufe hoben.

Harold C. Urey, Professor an der Staatsuniversität von Kalifornien in La Jolla, erhielt 1934 den Nobelpreis für die Entdeckung des schweren Wasserstoffs. Danach isolierte der Wissenschaftler die schweren Isotope von Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel.

In den Untersuchungen der letzten Jahre hat er sich den Boten aus dem Weltall, dem Studium der Meteoriten, zugewandt. Sein glänzend aufgebauter Vortrag gipfelte in einer grimmig-humorvollen Bitte an seine „Weltraumkollegen“, denen mit hohem Aufwand in den USA ein Labor für die Analyse der von fernen Weltkörpern auf die Erde gebrachten Stoffe gebaut wird. Sie sollten bei ihren Arbeiten in den kommenden Jahrzehnten nicht vergessen, daß es einen nicht ganz unbekannten Mann gebe, der schon vor längerer Zeit behauptet habe, Stücke des Mondes in der Hand gehabt zu haben. Dieser Mann heiße Harold C. Urey.