Unter dem Trommelfeuer der Kritik blieb die Regierung Kiesinger nur eine Woche lang bei ihrem Entwurf für das mittelfristige Finanzprogramm. Dann revidierte das Kabinett seine Beschlüsse: Die neue Mehrwertsteuer soll nicht schon am 1. Januar 1968, sondern erst ein halbes Jahr später erhöht werden.

In einem Punkt aber blieb die Bundesregierung bislang hart: Der Wehretat, durch die Sparbeschlüsse am ärgsten gerupft, soll 1968 bis 1971 statt der ursprünglich veranschlagten 86,4 Milliarden nur 82,1 Milliarden Mark umfassen. Einsparungen 1968: allein zwei Milliarden Mark.

BundesVerteidigungsminister Schröder hatte den Sparbeschluß seiner Regierungskollegen bis zuletzt heftig befehdet. Schröder: „Meine Kabinettsloyalität entbindet mich nicht von der Verantwortung für mein Ressort.“ Schröder machte aus seiner Meinung kein Hehl, daß die Kürzungen am Verteidigungsetat eine Verkleinerung der Bundeswehr um 60 000 auf 400 000 Mann erforderlich machen würden.

Der Minister rief damit eine Welle der Kritik hervor. Die NATO-Verbündeten klagten, sie seien vorher nicht konsultiert worden. Der amerikanische Senator Mike Mansfield sagte, es liege weder im Interesse der USA noch der Bundesrepublik, wenn die Amerikaner militanter als die Deutschen seien: Die USA sollten aus Westdeutschland mehr als die ohnehin vorgesehenen 35 000 Soldaten abziehen. Die britische Regierung kündigte in einem Weißbuch bereits an, sie werde ihre Streitkräfte bis 1971 um 37 000 Mann verkleinern.

In Bonn brach wie zu Kanzler Erhards Zeiten der Interview-Krieg aus. Finanzminister Strauß zu Beginn dieser Woche: „Bundesverteidigungsminister Schröder muß sagen, wo er die zwei Milliarden hernehmen will, die er (für 1968) mehr haben möchte. Welcher andere Etat soll um diese zwei Milliarden Mark gekürzt werden? Da er nicht zu finden ist, müßte man einen anderen Finanzminister suchen, der ... aus zweimal zwei fünf machen kann“.

Die geharnischten Äußerungen des Bundesfinanzministers („Jede Behauptung über eine Verringerung des Personals der Bundeswehr ... ist Lüge und Zweckpropaganda!“) haben die Kontroverse um den Verteidigungsetat zu einem Duell Strauß–Schröder werden lassen. Strauß (1956 bis November 1962 selber Verteidigungsminister) unterbreitete Schröder konkrete Vorschläge, wie die Einsparungen durch eine Straffung der militärischen Organisation und durch den Abbau finanzieller Vergünstigungen aufgefangen werden können – ohne Verkleinerung der Bundeswehr.

Schröder bot daraufhin Strauß „scherzhaft“ an, die Ressorts zu tauschen. Am vorigen Freitag hatte er dem Kanzler freilich bereits detaillierte Vorschläge für eine Reorganisation der Bundeswehr unterbreitet. Eine gemeinsame Flugreise nach Munster benutzte Schröder am Dienstag, um mit Kiesinger seine Pläne zu diskutieren. Kernpunkte: Verminderung der Bundeswehr auf 400 000 Mann, Beibehaltung der „nuklearen Komponente“. Zur Debatte standen außerdem zwei Gutachten der ehemaligen Bundeswehrgenerale Speidel und Heusinger, die Kiesinger angefordert hatte, ohne Schröder zu fragen. Es heißt, die beiden Generale hielten Truppenverminderungen nicht für unumgänglich. Kiesinger nach dem Gespräch mit Schröder: Noch nie seien die Meinungen „so weit auseinander “-gegangen.

Inzwischen griff auch der sozialdemokratische Koalitionspartner in die Kontroverse um Schröder ein. Der SPD-Wehrexperte Wienand meinte, der Minister hätte gut daran getan, die Konsequenzen der Sparbeschlüsse auf die Verteidigungskonzeption rechtzeitig innen- und außenpolitisch vorzubereiten. Der SPD-Pressedienst polterte: „Auch Bundesverteidigungsminister Schröder ist nicht unentbehrlich.“ In Bonn machte das Gerücht die Runde, Helmut Schmidt solle das Verteidigungsministerium übernehmen.