Zur Beurteilung der Lage heute: ein Rückblick auf anderthalb Jahrhunderte studentischer Politik

Von Hans Peter Bleuel

In den ersten Monaten nach der Niederlage von 1918 gab es in der deutschen Studentenschaft einige Ansätze, die auf eine Mitarbeit der jungen Akademiker am demokratischen Staat hoffen ließen. Nicht zuletzt das Ungeschick der ersten Weimarer Regierungen, denen bei der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung auch an den Universitäten die Zustimmung der alten autoritären Kräfte wichtiger schien als die dringend notwendige Stärkung der demokratischen Minoritäten, hat diese bescheidenen Keime wieder erstickt. Deutschlands Studenten rückten rasch und nahezu geschlossen wieder dahin, wo sie seit langem standen: auf die politische Rechte, und das bedeutete bald unversöhnliche Gegnerschaft zum demokratischen Staat.

Ruhe und Ordnung scheinen die Studenten auch heute in ungeziemender Weise zu stören. Was in der Theorie gefordert wird, kommt in der Praxis ungelegen: eine beachtliche Politisierung innerhalb der Studentenschaft, die in ihrem Ausmaß allerdings überschätzt wird.

Gelegentliche Überspitzungen sollten niemanden beunruhigen, auch oder gerade dann nicht, wenn sie linke Akzente tragen. Beunruhigend ist vielmehr die Reaktion der Öffentlichkeit, wenn Deutschlands Jungakademiker erstmals beweisen, was in insgesamt dreieinhalb Jahrzehnten demokratischer Gesellschaftsordnung vergeblich von, ihnen gefordert worden ist: politisches Bewußtsein und demokratisches Engagement. Die Tatsache ist erstaunlich genug.

Entgegen allgemeinen Vorstellungen und den Behauptungen studentischer Traditionsverbände war Deutschlands akademische „Elite der Nation“ seit mehr als hundert Jahren keineswegs der Sauerteig des Volkes; sie war eher die Gärhefe des Völkischen.