Köln

Ahnungslos öffnete Johanna Großcurth, die Leiterin der Haushaltsberatungsstelle der Kölner Stadtsparkasse, die Schleusen; WDR-Redakteurin Magda Gatter feuerte sie noch an, und,die Reporterin des "Kölner Stadt-Anzeiger", Ute Kaltwasser, stand daneben, um zu berichten. Als die Flut dann hereinbrach, hatten die drei Mühe, sich selbst noch zu retten: Kölner Hausfrauen liefen Sturm und schrien Zetermordio. Johanna Großcurth war "völlig fertig", und Ute Kaltwasser ging sich Rat bei Psychologen und Soziologen holen. Der Gesellschaftswissenschaftler René König bestätigte ihr: "Sie haben Leichen hochgespült, die schon lange unter den Fußbodenmatten lagen."

Das war passiert: Auf Anregung von Frauenfunkredakteurin Gatter hatte Johanna Großcurth sich entschlossen, endlich einmal jene Wunder-Hausfrauen öffentlich vorzuzeigen, von denen sie in ihrem Mitteilungsblättchen zu berichten wußte, wie billig sie einkaufen und wie preiswert sie wirtschaften. Fünf von ihnen waren zu einer Podiumsdiskussion bereit, und jede von ihnen legte – geschützt durch Städte-Decknamen – ihre Wirtschaftskarten auf den Tisch: Frau Aachen ernährte ihren Zwei-Personen-Haushalt für nicht mehr als 240 Mark im Monat, Frau Celle brauchte für drei Personen nur rund 200 Mark monatlich, Frau Düsseldorf für vier Personen etwa 380 Mark, Frau Göttingen kam für sechs Personen mit 400 Mark aus, den Vogel schoß Frau Hamburg ab: Sie verbrauchte für die Ernährung von fünf Personen nur 350 Mark in vier Wochen.

Die tüchtigen Wirtschafterinnen gaben hilfsbereit auch ihre Tricks bekannt: Frau Aachen spart Geld, weil sie regelmäßig zu einem Gemüsebauern vor der Stadt fährt – mit dem Fahrrad. Frau Düsseldorf schwört auf Suppenhühner, Frau Hamburg kennt sich auf der Jagd nach Konserven, aus, die die Vorratsstelle der Bundesregierung abstößt, Frau Göttingen macht es nichts aus, Gäste wieder auszuladen, wenn ihr Etat eine Bewirtung nicht mehr erlaubt. Alle Frauen priesen die Sonderangebote und hatten ein Faible für Supermärkte.

Magda Gatter war überzeugt: "Es stimmt alles." Die Kölner Hausfrauen aber tobten fürchterlich: Sie ziehen die tapferen Fünf der Lüge und verschrien sie als Rabenmütter, die ihre Kinder im Stadtpark auf die Weide führen und ihnen zum Frühstück Kitt aus der Fensterscheibe servieren. Da das Photo der fünf in der Zeitung erschienen war, wurden sie trotz Decknamen von den Nachbarn identifiziert und in den Läden angepöbelt. Die Diskussion mußte wiederholt werden, Johanna Großcurth versicherte einem grimmigen Publikum, daß die genannten Beträge nur die Ernährungskosten gewesen seien und nicht etwa Reinigung, Schuster, Waschmittel und andere Nebenkosten einschlössen. Verlangt wurde aber die Probe aufs Exempel. Da wappnete sich Ute Kaltwasser: "Der Stadt-Anzeiger ißt mit" wurde groß angezeigt – bei Frau Hamburg. Außerdem versprach die Zeitung, Frau Hamburgs Rezepte für die Mahlzeiten täglich und ausführlich zu veröffentlichen, mit Preisangaben.

"Es war die aufregendste Reportage, die ich jemals schrieb", sagt Ute Kaltwasser, "noch nie habe ich mich so geärgert." Ihr erster Bericht begann: "Alle, die vielleicht gehofft hatten, nach meinem Experiment hätte ich einige Pfund um die Taille und die Lust am Essen verloren, muß ich enttäuschen. Ich bin satt geworden, und es hat mir obendrein noch geschmeckt. Die drei Söhne zwischen fünf und zehn Jahren sind auch nicht unterernährt, sondern gesund. Der Ehemann, Geschäftsführer eines mittleren Betriebs, scheint bester Laune und durchaus arbeitsfähig."

Frau Hamburg hatte fünf Personen und den Besuch an einem Tag für 11,59 Mark beköstigt (siehe Rezept). Auch in den nächsten Tagen verbrauchte sie eher weniger als mehr Haushaltsgeld. Ihre Rezepte verrieten Können, Phantasie, den Glauben an Rohkost und Quark und die Bekanntschaft mit billigen Einkaufsquellen. Aber die Stadt-Anzeiger-Leser reagierten feindselig. Von 7.30 Uhr in der Früh an stand das Telephon in der Redaktion nicht mehr still: "Ich bin schließlich schon seit dreißig Jahren Hausfrau, mir können Sie diese Rechnung nicht weismachen ... ", hieß es. Ute Kaltwasser wurde von Wildfremden eingeladen, sich an ihren Resten satt zu essen. Die Essensmengen wurden angezweifelt, vermutet wurde auch, die drei Hamburg-Knaben seien unterernährt.