Die Wirtschaft braucht die Impulse der Wehrforschung

Von Klaus Seemann

Eine tückische, schleichende Krankheit hat die Volkswirtschaften West- und Mitteleuropas und hier insbesondere der Bundesrepublik erfaßt. Kaum vernehmbar hat sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg Einlaß in die vor dem Zweiten Weltkrieg führenden Industriestaaten Europas verschafft, um im Verlauf der nächsten Jahrzehnte immer größere Teile des volkswirtschaftlichen Gefüges zu befallen. Der Name dieser den europäischen Industriestaaten vorher nicht bekannten Krankheit ist „technologischer Rückstand“ oder „technologische Lücke“.

Dieser Rückstand besteht unzweifelhaft. Der Bundesminister für Wissenschaft und Forschung sagt es, die Regierungserklärung verkündet es, die NATO beschäftigt sich mit ihm, die Amerikaner – an ihrer Spitze Verteidigungsminister McNamara – halten ihn für ein gottgewollte, den amerikanischen Interessen förderliche Einrichtung, die deswegen auch nicht geändert werden sollte. Alle wissen es. Nur genügt dieses Wissen um die Tatsache allein nicht.

In einer technisierten Welt wird sich, jeder Denkende die Frage vorlegen müssen, was eine solche Feststellung für unsere Volkswirtschaft bedeutet.

Da die produktiven Kräfte einer Volkswirtschaft im atomaren Zeitalter nicht mehr wie zu Lists Zeiten durch den Schutzzoll erhalten und gefördert werden, sondern durch die öffentlichen Haushalte und hier insbesondere durch den Verteidigungshaushalt (naturwissenschaftliche Großforschung – big science wird man nicht an dem Zusammenhang von technischem Fortschritt und staatlicher Rüstungspolitik vorbeigehen können. Doch ist es gerade in diesem Bereich schwer, vorurteilsfreie Aussagen zu machen, ohne sofort als Militarist, Aggressionist, Revanchist, Imperialist, Kriegshetzer oder Kriegsverbrecher und je nach dem Standort des Betreffenden als Kapitalist oder Kommunist verunglimpft zu werden.

Zwischen wirtschaftlichem Potential und strategischem Verhalten besteht heute eine Wechselbeziehung, die ihrerseits wiederum auf die Politik ausstrahlt. Das Vorhandensein nuklearer und thermonuklearer Waffen hat das Kriegsbild verändert. Nunmehr besteht beim Einsatz von Massenvernichtungsmitteln die Möglichkeit, Kriege zu gewinnen oder zu verlieren, bevor eine Mobilisierung überhaupt möglich ist. Der Zeitfaktor wird im atomaren Kriegsbild auf ein Minimum verkürzt.