Die Polizei ist in der Bredouille. Nicht nur, daß ihr der Knüppel aus der Hand gerutscht ist, – auch das Verbrechertum wächst ihr über den Kopf. 60 000 Verbrechen harren noch der Aufklärung. Und die Kriminalität steigt weiter.

Bisher sieht der traurige Rekord so aus: Jeden Tag wird in der Bundesrepublik ein Mord verübt, auf jeden Werktag kommt ein Bankraub, pro Tag werden siebzehn Notzuchtverbrechen registriert. 12 000 Kripobeamte stehen einer Million Rechtsbrechern gegenüber.

Die Polizei hat Nachwuchssorgen. Nicht nur, daß zu wenig Interesse für ihren Beruf vorhanden ist, auch die Interessenten sind nicht immer die fähigsten und geeignetsten Männer. Als Gründe für diese Mangelerscheinung werden das relativ geringe Prestige der unteren Polizeihierarchie angegeben sowie der Ausbildungsweg, der gerade Bewerber für den höheren Dienst abschreckt. Von den insgesamt viereinhalb Jahren Ausbildungszeit müssen zwei Jahre bei der kasernierten Bereitschaftspolizei absolviert werden.

Die Aufgabe der Polizei, auf die Grundformel gebracht, lautet: Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Es ist eine Formel von sehr großer Spannweite. Aus ihr läßt sich der Bogen von der Dienstpflichtversorgung bis zur politischen Tyrannei oder auch vom Polizisten als Parkwächter bis zu den neuen Helden, den Supermännern in Krimis und Agentenspielen ziehen. Auch im Vergleich zu diesen neuen Film- und Fernsehhelden haben die braven Beamten selbstverständlich einen schweren Stand: Was sind das für tolle Burschen, die Bonds, die O.N.C.L.E.-Kompanie und die Flints! Gelassen, von männlicher Eleganz verteilen sie mit lotion-gepflegter Hand ihre Kantenschläge. Ein Polizist mit Stiefel, Koppel und Mütze hat’s da schwerer, ein ähnlich sympathischbewundernswertes Abbild in der gerechten Verfolgung von Ungerechtem abzugeben. Ihm wird bestenfalls das Räuber-und-Gendarm-Spiel zugebilligt, wobei Gendarme in der Regel nicht ganz frei von Tölpelhaftigkeit sind.

Das geringe Prestige des Polizisten schreckt manchen begabten Anwärter, zumal die materiellen Bedingungen alles andere als rosig sind. Polizisten werden von allen Beamten am schlechtesten bezahlt, ihre Aufstiegschancen liegen weit unter dem normalen Niveau. Die meisten Beamten (93 Prozent) beenden ihre Karriere in der mittleren Dienstlaufbahn und mit einem Gehalt, das zwischen 600 und 900 Mark monatlich liegt.

Nur sechs Prozent der Ordnungshüter schaffen den Sprung zur gehobenen Laufbahn mit einem Verdienst zwischen 1000 und 1500 Mark, und nur ein Prozent erreicht die höchsten Stufen der Polizeihierarchie als Rat oder Direktor. Es ist eine mühsame Kraxelei auf der Erfolgsleiter.

Und endlich: Das Polizistendasein ist auch nicht ganz ungefährlich. In Deutschland haben nach dem Krieg immerhin 247 Polizisten und Kripobeamte durch Verbrecherhand ihr Leben lassen müssen. sty.