Von Wolfgang Hildesheimer

Lieber Peter Weiss,

Sie haben am 17. Juni im Stockholmer Aftonbladet einen Artikel veröffentlicht, der sich mit den arabisch-israelischen Konflikt befaßt. Ich habe den Artikel unter dem Titel „Der Sieg, der sich selbst bedroht“ in der deutschen Wochenzeitschrift Die Tat gelesen. Indem er meinen Widerspruch herausfordert, gibt er mir die lang ervartete Gelegenheit, zu diesem Konflikt Stellung zu nehmen. Ich hätte Sie gern um Erlaubnis gebeten, ihn ganz zitieren zu dürfen, aber Sie waren nicht erreichbar. Ich muß mich daher darauf beschränken, an einzelnen Passagen einzuhaken. Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß nichts mir ferner liegt, als Sie persönlich angreifen zu wollen, noch, wahrhaftig, die Integr.tät jener Freunde anzuzweifeln, die sich in dieser Sache desselben Folgerungsschemas bedienen wie Sie. Es handelt sich vielmehr um das Schema selbst.

Sie schreiben: Wir haben in diesen Tagen eine Orgie abendländischer Verbrüderung gegen die sogenannte Dritte Welt erlebt. Damit spielen Sie auf schwedische Verhältnisse an, die ich nicht beurteilen kann. Eine Reaktion dieser Art war in den Staaten, deren Zeitungen ich lese, nicht zu verzeichnen. Diese „sogenannte Dritte Welt“, das sind die „armen Völker“, denen Sie das „arabische Volk“ zurechnen.

Aber „das arabische Volk“ besteht nur als Mythos, von Propaganda geprägt. Der für dieser Krieg in Stiefel gezwängte Fellache, den man auf der Sinai-Halbinsel – buchstäblich – an sein Geschütz gefesselt vorfand, hat nicht desselben Lebenskreis wie der König von Saudi-Arabien, der seine Sklaven töten darf.

Aber nehmen wir die Solidarität der arabischen Staaten einmal an, die sie tatsächlich zuem Volk machen könnte, so geriete hier der Begriff des „armen Volkes“ schon dadurch ins Winken, daß sich unvorstellbarer Reichtum auf einige arabische Herrscher und Privatleute konzentriert, der, in soziale Tat umgesetzt, wesentlich zur Hebung der, kaum weniger vorstellbaren, Armut der Mehrheit beitragen würde. Allein der Scheich von Kuwait hätte die Ansiedlung der Palästina-Flüchtlinge des ersten Krieges leiht finanzieren können. Aber es lag nicht in seinem Interesse.

In seinem Interesse lag die Geste: die Stiftung der für ihn verschwindenden Millionensumme für die „heroische ägyptische Armee“. Nach israelischen Errechnungen haben allein die ersten eineinhalb Stunden des Krieges die Araber soviel gekostet, wie eine Ansiedlung dieser Flüchtlinge gekostet hätte. Wären die Araber ein Volk, so hätten sie das Elend dieser Flüchtlinge behoben. Aber diese Wunde mußte offen bleiben, als anti-israelische Handhabe.