Am 21. Juli 1967 starb Albert Luthuli. Er war der erste schwarze Afrikaner, der den Friedensnobelpreis erhielt. Er würde von einem Eisenbahnzug überfahren. Er war spazieren gegangen und hatte den Zug nicht gehört. Er war 69 Jahre alt. In der Stadt wäre das Unglück wahrscheinlich nicht geschehen. Aber in der Stadt durfte Luthuli nicht leben. Die südafrikanische Regierung hatte ihn in ein Dorf verbannt.

Luthuli bekam den Nobelpreis, weil er nur mit Mitteln der Gewaltlosigkeit für die Freiheit der Schwarzen in Südafrika kämpfte. Er war Lehrer von Beruf, dann wurde er zum Häuptling gewählt. Von 1952 bis 1960 war er Präsident des „Afrikanischen Nationalkongresses“, der führenden politischen Bewegung der Schwarzen Südafrikas, die gegen die Politik der Apartheid kämpfte.

Aber er kämpfte nicht gegen die Weißen, wie so viel schwarze Nationalisten es heute tun. Sondern er kämpfte für die Gleichberechtigung seines Volkes. Er wollte die Weißen nicht aus Südafrika vertreiben, er wollte sie im Lande behalten; nach seiner Meinung bot Südafrika genügend Raum für beide Rassen. Nur die Politik der Apartheid lehnte er ab. Diese Politik hieß für ihn: „Gott kritisieren, weil er Menschen mit schwarzer Hautfarbe schuf.“ Und das konnte er als Christ nicht ertragen.

Albert Luthuli war ein überzeugter Christ. Deshalb lehnte er Gewalt, lehnte er Aufstände und Attentate, wie die radikalen jüngeren schwarzen Afrikaner sie vielfach fordern, grundsätzlich ab. Er kämpfte nur mit friedlichen Waffen, mit Streiks, Arbeitsverweigerung, passiven Widerstand. Deshalb nannte man ihn vielfach den „Gandhi Afrikas“. Und dafür bekam er den Nobelpreis. Denn wie das Preiskomitee feststellte, war es ihm zu danken, daß der Freiheitskampf von elf Millionen Schwarzen nicht in blutigen Terror ausartete.

Aus Angst vor der Weltöffentlichkeit ließ die südafrikanische Regierung ihn zur Preisverteilung nach Oslo fahren. Aber die Gültigkeitsdauer seines Passes wurde auf zehn Tage beschränkt. Und als er zurückkam, durfte er das Land nicht mehr verlassen, wurde er in ein Dorf verbannt, und die Presse durfte nichts mehr von ihm veröffentlichen.

96 Nobelpreisträger, darunter John Steinbeck, Françoise Mauriac und Max Born appellierten an die südafrikanische Regierung, Luthuli freizulassen – ohne Erfolg. Robert Kennedy, der ihn 1966 in Süafrika besuchte, bekannte nach seinem Gespräch: „Er war einer der eindrucksvollsten Männer, denen ich je begegnet bin.“ Aber der Bann gegen ihn wurde nicht aufgehoben.

Carl von Ossietzky, dem die Nazis die Annahme des Friedensnobelpreises verweigerten, starb nach seiner Haft in einem Konzentrationslager. Boris Pasternak durfte den Preis, den man ihm verliehen hatte, nicht entgegennehmen. Albert Luthuli starb in der Verbannung. Die Formen der Diktatur sind verschieden. Aber die Männer, die sich um den Frieden bemühen, werden von allen Diktatoren verfolgt.

Peter Grubbe