Charles de Gaulle, der französische Staatschef, hat jetzt, bei seinem Besuch in Kanada, eine der spektakulärsten Handlungen seines bewegten Lebens unternommen: Er hat England tief getroffen und hat Nordamerika auf eine Weise verletzt, die nur deshalb keine vor Zorn überschäumende Empörung hervorrief, weil man dort durch den Vietnam-Krieg und die Rassenkrawalle im eigenen Lande wahrlich Sorgen genug hat. Jetzt stellt die amerikanische Resignation die faule Frage: Wer ist schon de Gaulle?

Nicht so, als ob man nicht geahnt hätte, was da passieren könne, wenn de Gaulle sich aufmachen würde, die „Weltausstellung 1967“ in Montreal (Kanada) zu besuchen!

Er hatte seine Reise angekündigt. Und man weiß, daß Montreal, die hinreißend schöne Stadt, momentan einer der Mittelpunkte der Welt ist. Dort spricht man (wenn nicht gerade Weltausstellung ist) nur französisch, nichts anderes. Man ißt und lebt und liebt französisch – wenn auch in etwas altmodischer Manier. Im übrigen Kanada aber spricht man Englisch. Und im benachbarten Amerika auch.

Man hätte besser aufmerken sollen, als de Gaulle sich entschloß, kein Flugzeug für die Reise zur Weltausstellung zu benutzen, sondern ein Kriegsschiff, namens „Colbert“.

Als der General im ersten Hafen der französischsprechenden Provinz Kanadas an Land ging, war noch alles ungetrübt: Kanadische Bürger, trotz jahrhundertelanger Isolation vom Mutterland nach wie vor der französischen Kultur verbunden, grüßten freudig den großen Franzosen, der alle gemeinsamen Tugenden verkörpert. Im zweiten Hafen erhielt die freudige Erregung des Empfanges dann ausgesprochen nationalistische Farben. Im dritten Hafen aber war die Katastrophe vollends da: Das Gespenst des Separatismus erhob sein Haupt.

De Gaulle sprach hier, in Montreal, vom „freien Quebec“. Rührung überkam ihn übermächtig. Ja, er erinnerte sich: Genauso stürmisch und mit so tosendem Jubel wie hier, in Quebec, hatten ihn 1944 die Bürger im befreiten Paris begrüßt. Und unter diesem Eindruck der Erinnerung hat er dann, wie Begleiter glauben versichern zu dürfen, den Text der präparierten Reden leider verlassen.

Hatte er schon nicht Einhalt geboten, als die Massen tobten und pfiffen, während die englische Hymne – das Lied God save the Queen – gespielt wurde, so ließ er sich jetzt so weit hinreißen, daß er erklärte: „Es muß die Voraussetzung dafür geschaffen werden, daß Ihre Unabhängigkeit bewahrt bleibt: Die Unabhängigkeit von dem riesigen Staat, der Ihr Nachbar ist!“