Im Glaspalast am East River in New York ist wieder der Alltag eingezogen. Die Sondersitzung der UN-Vollversammlung hat sich vertagt. Der Weltsicherheitsrat hat abermals das Wort. Die Stars des außerplanmäßigen Schauspiels – Kossygin, Gromyko, Hussein, Abba Eban – agieren wieder auf heimischer Bühne. Aber der Vorhang über dem nahöstlichen Drama bleibt aufgezogen. Eine friedliche Beilegung des unseligen arabisch-israelischen Konflikts ist noch nicht in Sicht.

Fünf Wochen lieferten sich die Delegierten heftige Rededuelle. Klagen und Vorwürfe, Beschuldigungen und Beteuerungen, Wahrheiten und Lügen schleuderten sie sich entgegen, Haßtiraden und Triumphgesänge stimmten sie an. Die Bilanz der fünf Wochen: zwei magere Resolutionen über Jerusalem.

Israel ist weder verurteilt noch mit ausreichender Stimmenmehrheit zum bedingungslosen Rückzug aus den besetzten Gebieten aufgefordert worden. Selbst die vereinten Bemühungen von Amerikanern und Sowjets, eine Resolution durchzupauken, die den Rückzug der israelischen Truppen auf ihre Stellungen vor Kriegsausbruch forderte und gleichzeitig das Recht jedes Staates betonte, frei von Kriegsdrohungen zu leben, scheiterte am Widerstand der arabischen Länder, Israels Lebensrecht anzuerkennen.

Und dennoch: Am nahöstlichen Horizont zeichnet sich der Schimmer eines Silberstreifens ab. Nasser, der geschlagene und nicht mehr ganz unbestrittene Führer der arabischen Länder, schlug in seiner Gedenkrede zur Revolution von 1952 vor Studenten mildere Töne an. Er beschuldigte in gewohnter Weise die Vereinigten Staaten und pries die Hilfe der Sowjetunion und die „ethische Hilfe“ Frankreichs. Aber er sprach auch von der Selbstbesinnung, der sich sein Volk unterziehen müsse, und von den Opfern, die alle zu tragen haben. Der Kampf, so erklärte der Staatschef, verlagere sich jetzt vom militärischen auf das politische und wirtschaftliche Feld.

Der Friede aber läßt noch auf sich warten. Der Sicherheitsrat kann – trotz der dringenden Aufforderung, eine Friedensregelung anzustreben – vorerst nicht mehr tun, als über den prekären Waffenstillstand zu wachen. Unterdessen bereiten sich die USA darauf vor, wieder Waffen an Israel zu liefern, um den Lieferungen Moskaus an seine arabischen Vasallen ein Gegengewicht zu bieten. In Nahost ist das Pulver noch nicht trocken. v. K.