Von Reinhard Sklorz

Ende Juni tagte in Prag der vierte Kongreß des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes. Er habe, meinte die parteieigene kulturpolitische Wochenzeitung Kulturni tvorba, eine Atmosphäre der Psychose geschaffen, die „unsere Freunde unangenehm berühren und von unseren Feinden mißbraucht werden könnte“.

Die Tagung begann mit einem Bericht des Veteranen Vilém Závada und dem Diskussionsbeitrag des Chefideologen der Partei, Jiri Hendrych. Der Parteidelegation gehörten außerdem noch vier andere prominente Funktionäre an (V. Bílak, F. Havlicek, S. Brencic und der Kultus- und Informationsminister Karel Hoffmann). Als am zweiten Tag die Diskussion zu freimütig wurde, griff sogar der Staatspräsident und Parteichef A. Novotny ein. Vor den Absolventen der Parteihochschule warf er den Literaten vor, sie hätten sich völlig auf die Aussöhnung mit bourgeoisen Ideologien eingestellt.

Einige Tage nach der Beendigung dieser Konferenz wurde dem Dichter Jan Beneš und einem Studenten der Prager Filmkunstakademie der Prozeß gemacht. Beide wurden beschuldigt, „verräterische Beziehungen“ zu einem seit zwanzig Jahren in Frankreich lebenden tschechischen Emigranten unterhalten zu haben, Pavel Tigrid. Obwohl man der Meinung sein muß, daß kritische Veröffentlichungen in einer Pariser Emigrantenzeitschrift noch keinen Grund zur Verfolgung geben sollten, verträgt dieser Prozeß keinen Vergleich mit dem Vorgehen gegen die sowjetischen Schriftsteller Sinjawskij und Danielj – schon deshalb nicht, weil die tschechoslowakischen Literaten bei Veröffentlichungen ihrer Werke, selbst wenn diese sehr kritisch sind, nicht unbedingt auf tschechische Emigrantenverlage angewiesen sind.

Heute erscheinen nämlich in der Tschechoslowakei Bücher, die sich schonungslos mit der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen. Dazu gehören etwa „Zerl“ (Ein Scherz) von Milan Kundera und „Sekyra“ (Das Beil), ein Roman von Ludvík Vaculík. Außerdem werden auch viele nichtmarxistische westliche Autoren übersetzt, und so mancher tschechische und slowakische Autor, der schon als „verschollen“ galt, weil er zu „bürgerlich“ oder zu „religiös“ war, erlebt eine Renaissance. In letzter Zeit wird sogar T. G. Masaryk, der erste Präsident der Tschechoslowakei und ein hervorragender Denker seiner Zeit, wiederentdeckt – vorerst als Philologe.

In dieser veränderten Situation gehört nicht mehr viel Mut dazu, kritisch zu sein, denn die Kritik wurde bis zu einem bestimmten Grade in die Gesellschaft integriert. „Die Wirklichkeit ist bei uns hart, und Manifeste beeindrucken sie nicht. Sie gewöhnte sich schon daran, daß es zum guten Ton gehört, auf sie zu schimpfen/und daß sie meistens von denen beschimpft wird, die dann im Alltag sehr leicht mit ihr konform gehen“, meinte etwas resignierend Václav Havel, als Dramatiker bei uns kein Unbekannter.

Zu den Themen des Kongresses gehörte auch das Problem der Tradition innerhalb der tschechoslowakischen Gesellschaft, unter besonderer Berücksichtigung der Ersten Republik, mit der man sich nach der kommunistischen Machtübernahme 1948 offiziell nie auseinandersetzte. In dem Beschluß des Kongresses heißt es: „Wenn wir die Ursachen des Aufschwungs der tschechischen und slowakischen Literatur zwischen den beiden Weltkriegen suchen, dürfen wir nicht die Tatsache übersehen, daß unser Staat damals, wenn auch von Gegensätzen des Kapitalismus erschüttert und durch die ungelöste Nationalitätenfrage geschwächt, im Vergleich mit den übrigen europäischen Ländern ein hohes Maß an Demokratie und demokratischen Freiheiten besaß ...“