„Buxtehude-Rezital in Lüneburg“; E. Power Biggs; CBS 72 532, 25,– DM.

Vier Wochen Urlaub hatte das Arnstädter Konsistorium seinem zwanzigjährigen Organisten Johann Sebastian Bach gewährt; der kümmerte sich wenig um die Abmachung und blieb sechzehn Wochen. Als Entschuldigung gab er zu Protokoll: Er sey Zu Lübeck geweßen vmd daselbst ein vnd anderes in seiner Kunst Zu begreiffen.

Begriffen hatte Bach – seine späteren Kompositionen zeigen dies – beim Lübecker Marienkirchenorganist Dietrich Buxtehude vor allem die Kunst, eine Choralmelodie in polyphonen Geflechten zu verarbeiten oder mit weitläufigen Figurationen zu verzieren; der Buxtehudesche Präludien-Stil, ein vielteiliger rhapsodischer Wechsel von kurzen Akkord- und Passagenblöcken und kleinen Fugen, schien Bach weniger zu interessieren.

Power Biggs, ein amerikanischer Organist und Cembalist, der in letzter Zeit mit unkonventionellen Bach-Aufnahmen Furore machte, suchte sich aus Buxtehudes Präludien und Choralvorspielen weniger gängige Stücke aus und zeigt an ihnen, wie man heute Orgel spielen sollte. Biggs kann sich sehr schnelle Tempi leisten und trotzdem so direkt aufnehmen lassen, daß jeder Tonansatz präzise erkenntlich bleibt. Seine Choralvorspiele kennen keine mystische Verbrämung, keine pietistischen Wölkchen, hier wird sozusagen im Orgelspiel ein aufgeweckter moderner Gemeindegesang vorbereitet. Heinz Josef Herbort