Von Horst Krüger

Auf diese Reise hatte ich lange gewartet. Jeder, der aus Berlin stammt, nimmt sie sich manchmal vor; aber meistens wird nichts daraus. Es ist wie mit den guten Vorsätzen zu Silvester. Du mußt endlich einmal deine Heimat wiedersehen, mußt zurück in die Vergangenheit, mußt die Wege von damals zu Ende gehen: Eichkamp, Grunewald, Zehlendorf – wie geht das weiter? Tempelhof, Britz, Buckow – und dann? Was kommt hinter Schlachtensee, und wie sieht es in Siemensstadt aus? Ich bin nie hingekommen. Die Stadt hat so viel Wasser und Wälder und dann ihre Luft: die berühmte Berliner Luft, die sie jetzt schon in Konservenbüchsen in alle Welt verschicken.

Das nimmt man sich immer vor: eine richtige Urlaubsreise nach Westberlin. Aber, wie gesagt, meistens wird nichts daraus. Als Bundesbürger kommt einem immer etwas Wichtigeres dazwischen.

Ich hatte so lange auf diese große Reise gewartet. Wenn ich anfinge zu zählen, müßte ich sagen: fünfundzwanzig Jahre. Man schämt sich fast, es zu sagen, es ist fast eine Generation, und war doch so. Es war 1941, als ich hier wegging. Es war im März 41, an einem grauen, schmutzigen Wintertage, als sie mich aus Berlin-Moabit entließen: Station 5, Zelle 103. Die Stadt war noch nicht verbrannt, sie war noch heil, war grau, grenzenlos groß und etwas trist, wie Berlin immer war. Sie begannen damals, die Mauer zu bauen. Damals erst die um das Warschauer Getto. Die Leute glaubten damals noch an den deutschen Sieg, auch die Berliner Leute, ja. Es war kalt und trüb und trist in der Stadt und für mich etwas gefährlich geworden. „Du verschwindest jetzt besser eine Weile; du tauchst irgendwo unter in der Provinz.“ Ach, dieser herrliche Hochmut von Berlin damals; wie ist er zu Fall gekommen! Wenn sie „Provinz“ sagten, meinten sie Frankfurt, Stuttgart, Köln. Ich verschwand also und bin niemals wiedergekommen aus der Provinz – wie ganz Deutschland.

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Als ich Berlin nach dem Kriege wiedersah, war es das schrecklichste Schlachtfeld meines Lebens, eine endlose Trümmerwüste mit lauter zerbrochenen Häusern und aufgerissenen Straßen. Berlin war 1945 nach Warschau und Rotterdam die am meisten zerstörte Stadt. Dem Neuankömmling heute präsentiert es sich als ein Wunder strahlender Modernität, eine einzige Architekturausstellung, Zirkus Scharoun, ein Schatzkästlein der freien Welt. Es wirkt alles so frisch wie aus Seidenpapier. Verwirrende Drehscheiben, wenn man die Avus verläßt; raffinierte Verteilerkreisel: Stadtautobahn Süd oder Nord? Man muß sich da blitzschnell entscheiden, wenn man die Avus verläßt, und meistens macht man es falsch, wenn man mit den Augen der Kindheit kommt. Hochhäuser, Glastürme, Lichtsilos, Neonpaläste: Telefunken, IBM und Europa-Center – was haben sie nur aus meinem alten Berlin gemacht?

Weiter: die Größe der Stadt. Das soll eine Insel sein? Sie ist so weit und geräumig und so vernünftig geplant. Kommt man aus dem Gedränge von Köln oder München, so ist es ein pures Vergnügen, hier Auto zu fahren. Berlin hat noch immer diese breiten und schnurgeraden Durchbrüche einer wirklichen Kapitale. Es hat beherrschende Boulevards und, fürstliche Dämme, diese Züge imperialer Architektur, die an Paris oder Rom erinnern. Die brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige waren Verehrer von Versailles: breite Avenuen, tiefe Durchbrüche, eine klare und rationale Architektur für Siegesparaden mit klingendem Spiel. So war das von den Königen gedacht. Der Autofahrer dankt es heute den Hohenzollern.