Von Bruce van Voorst

Der Anschlag hing im „Newsweek“-Büro zu Washington am Schwarzen Brett. Er trug die Überschrift „Verhaltensregeln für Reportagen über Unruhen“ und lautete:

„1. Tragt Schutzhelme – die Sicherheitshelme der Bauarbeiter sind nicht sicher genug. Kauft genug echte Schutzhelme, um jeden schützen zu. können, der bei Reportagen über Unruhen eingesetzt werden könnte – Reporter, Photographen, Boten. Wir empfehlen blau oder grau gestrichene Helme, weiß sollte nach Möglichkeit vermieden werden, da es Heckenschützenfeuer auf sich zieht.“

Einige Reporter lehnen es ab, Helme zu tragen, weil sie fürchten, dadurch als Mitglied der Sicherheits-Organe gekennzeichnet zu sein und deshalb keine Interviews bekommen. Dies mag für die Zeit vor den Ausschreitungen zutreffen, aber wenn erst einmal Molotow-Cocktails geworfen werden, gibt es keine Interviews mehr. Dann muß jeder, der über die Vorgänge berichten will, seinen Kopf schützen.

2. Arbeiten Sie zu zweit. Schicken Sie keinen Reporter allein los, um von Aufständen zu berichten. Immer in Zwei-Mann-Mannschaften, damit Sie sich gegenseitig helfen können, falls Sie beschossen werden oder in andere Schwierigkeiten geraten. Photographen sollten; bei Aufruhr nie allein sein.“

Das „Newsweek“-Memorandum, das zu Beginn des Sommers an alle Korrespondentenbüros im Lande geschickt wurde, ist todernst gemeint. Schwarze und Weiße haben in den letzten Wochen Reporter zusammengeschlagen; Kameras sind Photographen aus den Händen gerissen und auf den heißen Asphaltstraßen zertrümmert worden. Es wurden mehr „Newsweek“-Mitarbeiter bei Ausschreitungen in Amerika verletzt als bei Reportagen über den Vietnam-Krieg.

In Washington, Cleveland, Chicago, Detroit und mehreren anderen großen Städten konnte man schon vor Wochen überall Anzeichen dafür entdecken, daß die Schutzhelme bald gebraucht würden. Ein Hauch von Spannung und Ärger hing in der gekühlten Luft eines Washingtoner Drugstores. Farbige Serviererinnen räkelten sich hinter dem Büfett und servierten den Kunden nur, wenn sie Lust dazu hatten. Die Gäste warteten vergebens. Unter anderen Umständen hätte man sie entlassen, aber neue Hilfskräfte sind nicht vorhanden, und man fürchtet sich vor den Bürgerrechtlern. Sie würden das Geschäft boykottieren. Washingtons Bevölkerung besteht zu fast 70 Prozent aus Negern. Wie in Newark, fühlen sich die Farbigen hier eingeschlossen – unfähig, in die vornehmen Vororte auszubrechen. Am Tage ist es möglich, durch die Negerviertel der Hauptstadt zu fahren, aber Freunde raten dem Besucher von nächtlichen Touren ab. Die ganze Katastrophe wurde im Gesicht eines farbigen Parkwächters sichtbar, der beinahe auf das Trinkgeld spuckte, das ich ihm gab. Seine Arroganz, seine prahlerische Haltung reizten meinen Begleiter zu der Bemerkung: „Der würde dir lieber ein Messer zwischen die Rippen stechen, als dir die Tür öffnen“ ...