Von Carlo Schmid

Unser politisches Leben ist nicht reich an Farbigkeit, und unter denen, die es bestreiten, gibt es wenig „Naturen“. Thomas Dehler war einer dieser wenigen, wie Konrad Adenauer, wie Kurt Schumacher. Solche „Naturen“ machen es nicht allen recht, denn sie gehen nicht auf den gebahnten Wegen, und wer ihnen folgen will, braucht einen starken Atem, wenn er sich nicht selber dabei verlieren soll.

Solch eine „Natur“ kann Gefolgschaft finden, aber es kann auch sein, daß sie die Menschen erschreckt, die sich überfordert fühlen, wenn jener, der vorangeht, ihnen nichts anderes vor Augen zu stellen hat, als sein Ethos und den Glauben Cromwells, daß niemand so weit kommt, als wer. nicht weiß, wohin er geht. So ist mir Thomas. Dehler erschienen, seit ich ihn kannte: Als einer, der den Stein weit nach vorne warf und lief, ihn aufzufangen, ohne sich umzuschauen, ob andere ihm folgen. Es folgten ihm nicht viele, und das war es, was die Auguren seinen Mangel an „fortune“ nannten.

Das machte seine Größe aus. Auch unter denen, die ihm die Kraft zu führen bestreiten, wird kaum einer sein, der ihm seinen so ganz ihm eigenen Rang bestreitet. Er gehörte zu denen, die viele lieben, die vielen ein Ärgernis sind, vor denen viele sich beschämt fühlen und die man mit allen Zeichen des Respekts mit sich selber allein läßt – bis auf die Freunde. Thomas Dehler hatte Freunde, treue Freunde, jenseits aller abschrankenden Grenzen der Parteien – ein seltenes Geschenk in jenem so versachlichten, so unpersönlichen, so kalten Bonn, darin man am Menschen nur die Funktion zu beachten pflegt.

Dieser stolze Franke liebte nichts auf Erden so wie den freien Menschen und das Vaterland. Freiheit verstand er im strengen Sinn als eine Kraft, die den Menschen von innen heraus in Zucht nimmt und ihm verwehrt, irgend etwas um den Preis der Selbstachtung anzunehmen und hinzunehmen, sei es den Staat, darin er lebt, sei es die Art, wie dieser mit sich und den Menschen umgeht, sei es das Ziel, auf das hin er geführt werden soll. Die Menschen dieses Landes sollten diesen Staat nach dem Bilde des Guten und Schönen formen, in der Bereitschaft, das Geschaffene zu verantworten, und als ihre oberste Aufgabe hätten sie einen Staat zu betrachten, darin die deutsche Nation sich zu vollem Bewußtsein ihrer selbst im Angesicht der Tafeln der Werte sollte entfalten können, die von den Großen unseres Volkes, von den Großen der Menschheit in patriotischer und weltbürgerlicher Absicht beschrieben worden sind.

So hat er sein Vaterland verstanden. Es war für ihn ein Zweig am Baume, der Europa heißt: eigene Blüten und Früchte tragend, aber in allem gespeist von den Säften, die in diesem mächtigen Stamm aus dem Erdreich der Geschichte aufsteigen. Wie hat er dieses europäische Deutschland geliebt! Wie hat er darunter gelitten, wenn ihm auf seinen Wegen Dinge begegneten, die sein Denkbild der Nation zu widerlegen schienen! Wie hat er gelitten, wenn Leute, die vorgaben es darzustellen, es durch ihre Taten schmähten!

Dieses Leiden hat ihn in den Jahren der Unmenschlichkeit schier umgebracht. Aber er ließ sich dadurch nicht beugen, denn auch im schlimmsten Treiben verlor er den Glauben an sein Volk nicht – einen Glauben, der jenseits allen Sendungsbewußtseins stand, jenseits aller Vaterländerei, jenseits aller Überheblichkeit, einen Glauben, der tief in der Tugend der Demut wurzelte, die gebietet, ja zu dem zu sagen, was einem zugeordnet ist.