Von Dieter Roß

Ernst Hoor: Österreich 1918–1938 – Staat ohne Nation – Republik ohne Republikaner. österreichischer Bundesverlag, Wien; 163 Seiten, Ln. 21,– DM

Österreich hatte (und hat wohl noch) linkere Sozialdemokraten und konservativere Bürgerliche als Deutschland. Doch dieser größere Abstand zwischen den beiden politischen Hauptkräften reicht kaum aus, um jene österreichische Art von „unbewältigter Vergangenheit“ zu erklären, auf die die Befangenheit des historischen Urteils über die erste Republik hindeutet. Österreich hat die Zeit von 1938 bis 1945, die Phase der nationalsozialistischen Herrschaft, relativ schnell bewältigt – mindestens offiziell. Andererseits scheint es, daß die Absonderung jener sieben Jahre aus dem österreichischen Geschichtsbewußtsein als „Fremdherrschaft“ den Zwang mit sich gebracht hatte, das historische Dilemma schon in der Republik von 1918 bis 1938 aufzusuchen. Abwegig ist das keineswegs, denn diese Republik war zu Grabe getragen, ehe sie dem Namen nach starb.

Ganz mag Ernst Hoor das freilich nicht eingestehen; er möchte von einem – vor allem jüngst von dem Engländer Gordon Shepherd – idealisierten Bild der letzten österreichischen Kanzler vor dem Anschluß, Dollfuß und Schuschnigg, retten, was zu retten ist. Man kann Engelbert Dollfuß, von 1932 bis zu seiner Ermordung durch österreichische Nationalsozialisten am 25. Juli 1934 Regierungschef, für eine tragische Figur halten: seine Politik widersprach oft genug der eigenen Einsicht – sie blieb dennoch fragwürdig. Dollfuß’ Innenpolitik war nichts weiter als ein Reflex seiner Außenpolitik. Die Anlehnung an Mussolinis Italien – als Gegengewicht zur Anschlußpropaganda Hitlers gedacht – machte Dollfuß zum Sklaven Roms und der von dort finanzierten faschistischen Heimwehr. Heute weiß man, daß selbst Dollfuß’ bedenklichste innenpolitische Tat, der Bürgerkrieg gegen die Sozialdemokraten im Februar 1934, auf den Druck Mussolinis zurückging. Ob Dollfuß eine andere Wahl blieb, als ein Österreich nach den Wünschen des „Duce“ zu schaffen, um nicht eines nach den Wünschen des „Führers“ schaffen zu müssen, muß offenbleiben. Das Schicksal der Politik Schuschniggs mag daran zweifeln lassen.

Jürgen Gehl hat Dollfuß mit guten Gründen „einen gewandten Taktiker, der das unsichere Gleichgewicht der österreichischen Politik verkörperte, genannt. Einen Hinweis auf Gehls Buch sucht man allerdings bei Hoor vergebens. Statt dessen wird Dollfuß – mit Hilfe eines pathetisch gestelzten, politisch völlig irrelevanten Nachrufs von Karl Kraus – zu einem österreichischen Nationalhelden hinaufstilisiert. Daß Dollfuß und Schuschnigg die Unabhängigkeit Österreichs erhalten wollten, steht außer Frage. Aber trieben sie nach innen und nach außen eine Politik, die mehr versprechen konnte als eine nominelle Selbständigkeit, die spätestens an dem Tage zusammenbrechen mußte, an dem Hitler und Mussolini einig wurden?

Wer das Ende der Republik wie Hoor erklärt, maß die Wurzeln des Übels um so findiger in der Entstehung suchen. Zudem sind an der Gründung der Republik jene entscheidend beteiligt, denen nun das Ende kaum anlasten kann: die Sozialisten. Sie werden für Hoor die eigentlich Schuldigen an der späteren Misere. Gemessen an dem republikanischen und Sozialrevolutionären Kurs der Karl Renner, Viktor Adler und Otto Bauer und ihren beständigen Versuchen, das Selbstbestimmungsrecht auch für die Verlierer des Krieges zu reklamieren, erscheinen bei Hoor die Pariser Verträge mit ihrem Anschlußverbot geradezu als selbstlose Anerkennung zwingender nationale: Gegebenheiten durch die Siegermächte. Richtig ist zweifellos, daß die österreichischen Sozialisten zu Deutschland wollten, weil sie glaubten, dort werde mit der Revolution eine neue Epoche anbrechen, – auch wohl, um sich möglichst gründlich von der zusammengebrochenen Monarchie zu distanzieren. Ihnen das als nationale Befangenheit anzukreiden und sie als Epigonen großdeutscher Tradition hinzustellen, setzt schon einige Scheuklappen voraus.

Hoor setzt – ob er nun die Sozialisten tadelt oder die Christlich Sozialen lobt – für die österreichische Politik in der Zeit von 1918 bis 1938 einen Handlungsspielraum voraus, der tatsächlich nicht bestand. Er ignoriert das komplizierte Jnteressengeflecht in Mitteleuropa, die Ressentiments, Rücksichten, Rivalitäten, denen die Republik zunächst ihre Existenz und schließlich ihr Ende verdankte. Da dieser Hintergrund fehlt, werden dem Leser statt der historischen Tragödie oft nur innenpolitische oder gar verfassungsrechtliche Schattenspiele geboten.

Am Mangel nationaler Gesinnung vor allem ist nach Hoors Meinung die erste Republik zugrunde gegangen. Tatsächlich war der entscheidende Faktor die außenpolitische und wirtschaftliche Notlage des Landes. Die zweite Republik hatte es in dieser Hinsicht um einiges leichter. Und die unangefochtene Selbstverständlichkeit staatlichen Eigenlebens wird ein gemessenes Nationalgefühl sicher eher bewirken als eine politisch befangene Geschichtsschreibung.