Von Uwe Nettelbeck

Weniger an einer jäh zutage getretenen Passion des deutschen Lesers für die schwarze Romantik als an dem grellen Rot des von Uwe Bremer für den ersten Band der neuen Hanser-Reihe "Bibliotheka Dracula" –

Bram Stoker: "Dracula" (Originaltitel: Dracula, Prince of Darkness), Roman, unter Benutzung älterer Übertragungen aus dem Englischen von Stasi Kuli; Carl Hanser Verlag, München; 524 S., 19,80 DM

– entworfenen Schutzumschlages wird es liegen, daß dieser aus dem neunzehnten Jahrhundert stammende ewige Bestseller der angelsächsischen Trivialliteratur in den letzten Wochen hierzulande so viele Liebhaber gefunden hat.

Überhaupt der Schutzumschlag: Er ist nicht nur hübsch, er bietet auch einen Klappentext, in dem es hoch hergeht. "Die Vampirsage ist seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein Zentralthema der Literatur. Von Lord Byron bis Charles Baudelaire tauchen die nachtschwarzen Blutsauger jenseits von Gut und Böse aus ihren unheiligen Grüften auf. Aber erst der Roman des irischen Schriftstellers und Theateragenten Bram Stoker hat ihren Ruhm und ihren Schauer unsterblich gemacht

Das ist ein starkes Stück: Der Vampirismus ist nie ein Zentralthema der Literatur gewesen, und wenn das Motiv unsterblich geworden ist, dann bestimmt nicht durch den kreuzbraven Stoker, der im Gegenteil seinen ganzen schriftstellerischen Fleiß aufgeboten hat, um die bösen Geister, die die Dichter des späten achtzehnten und des frühen neunzehnten Jahrhunderts gerufen haben, Goethe zum Beispiel, in seiner Ballade "Die Braut von Korinth", und Byron, er vor allem, und seine Freunde Polidori, Mary Shelley und Maturin, endgültig zu vertreiben.

Graf Dracula, Stokers Vampir, wird seines Treibens nicht froh, und auch das Mädchen Lucy, die der Graf erobern kann, ehe es ihm an den Kragen geht, hat nicht viel davon, nur "häßliche Träume. Wenn ich mich ihrer nur entsinnen könnte! Heute früh war ich sehr schwach. Mein Gesicht ist geisterhaft bleich und meine Kehle schmerzt mich. Es muß an meinen Lungen etwas nicht in Ordnung sein, denn es fällt mir so schwer, genügend Luft zu schöpfen." Mit ihren schwindenden Kräften genießt sie lediglich noch den Geruch der Knoblauchkette, die sie zu ihrem Schutz um den Hals trägt.