N. W. London, im Juli

Knapp drei Jahre hat Verteidigungsminister Denis Healey zur Neuorientierung der britischen Verteidigungspolitik und der militärischen Verpflichtungen in Übersee gebraucht. Den Schlußstrich hat er nun mit dem Zusatz zum Verteidigungsweißbuch für1967 gezogen. Er setzt darin einen Termin für die endgültige Liquidation der militärischen Überreste einstiger britischer Weltmacht. Bis zur Mitte der siebziger Jahre will sich Großbritannien aus seinen Positionen „östlich von Suez“ zurückziehen.

Obwohl lange fällig und lange erwartet, hat diese Entscheidung unwillige Kritik erregt; in der Verteidigungsdebatte des Unterhauses stand Healey in einem Zweifrontenkrieg zwischen der konservativen Rechten und der sozialistischen Linken. Für die immer noch am Empire-Heimweh leidenden auf der Rechten kommt das Ende zu früh; für die Engländer auf der Linken kommt es zu längsam. „East of Suez“ – Rudyard Kiplings poetische Formel für den Herrscherwillen des imperialistischen Großbritannien, versetzte noch einmal die Gemüter in Aufruhr und errichtete eine Barrikade zwischen den Enkeln der Imperialisten und den Nachkommen der Anti-Imperialisten.

Beide Seiten sehen im Weißbuch ein Dokument der Halbheiten und Halbherzigkeiten. Trotz aller Schwächen bleibt das Weißbuch aber neben Englands Aufnahmeantrag in die EWG das wichtigste Ergebnis der ersten drei Labour-Regierungsjahre. Zwischen dem Weißbuch und dem Antrag besteht eine Verbindung. Healey spricht sie bereits im ersten Absatz des Europa gewidmeten Kapitels aus, das keineswegs zufällig am Anfang steht. Wörtlich heißt es:

„Die Sicherheit Großbritanniens hängt vor allem von der Verhinderung eines Krieges in Europa ab. Wir betrachten es deshalb als wesentlich, die militärische Wirksamkeit und die politische Solidarität der NATO aufrechtzuerhalten. Zu diesem Zweck werden wir weiterhin einen beträchtlichen Beitrag zu den NATO-Streitkräften leisten, um unser Teil an der Verteidigung Europas zu tragen und das notwendige Gleichgewicht innerhalb der westlichen Allianz aufrechtzuerhalten. Dieser Beitrag gewinnt sogar an Bedeutung, da wir engere politische und wirtschaftliche Beziehungen zu unseren europäischen Nachbarn entwickeln.“

Dahinter steht die Einsicht, daß Englands Hilfsmittel nur noch für den Status einer europäischen Führungsmacht ausreichen. Weiteren Abstrichen an dieser Rolle ist England jedoch abgeneigt. Healey denkt deshalb nicht an eine erneute Verringerung der Rheinarmee. Der bei den letzten Devisenausgleichsgesprächen vereinbarte Rückzug einer Brigade und eines Bombergeschwaders führt nach Healeys Ansicht nicht zur Schwächung der NATO, „da ein sowjetischer Angriff auf Europa unter den gegenwärtigen Umständen unwahrscheinlich ist und sich jeder Wechsel wahrscheinlich so rechtzeitig ankündigt, daß die Truppen im Falle einer Krise schnell nach Deutschland zurückgebracht werden könnten“.

Die durch den Truppenrückzug eingesparten Devisen von rund sechzig Millionen Mark im Jahr haben jedoch Healeys Appetit gereizt. Er betrachtet den Devisenausgleich als ein langfristiges und für die Zahlungsbilanz wesentliches Problem. Deshalb fordert er von der Bundesrepublik für 1968/69 und die folgenden Jahre wiederum einen Devisenausgleich, damit England seine europäische Rolle aufrechterhalten kann.