Eier, Farben und Tomaten, sagen die einen, sind keine Argumente – und sie haben recht mit ihrer Behauptung. Was nützen Argumente, sagen andere, wenn der Partner sie zwar anerkennt, aber keine konkreten Folgerungen aus seiner Billigung zieht – und auch sie haben recht mit ihrer Erklärung. Es gibt Augenblicke, sagen die dritten, wo nur noch Eier, Tomaten und Farben die Dringlichkeit jener Probleme verdeutlichen können, die jahrelanges Diskutieren, ein Streit gegen scheinbare Einsicht und offenkundige Untätigkeit, immer brennender macht – und wie sehr diese dritten mit ihrer These recht haben, zeigt die Tatsache, daß man nach dem zweiten Juni, nach der Demonstration und dem Tod des Studenten, allerorten erklärt: Unverbindliche Zustimmung (Wir werden, meine lieben Kommilitonen, über Ihre berechtigten Wünsche auch weiterhin sprechen) ist so wenig eine angemessene Replik wie die Pistole oder der Knüppel – man muß miteinander reden.

Unter solchen Zeichen war es kein Wunder, daß das Thema „Die Gesellschaft, die Hochschule und die Studenten“ im letzten Monat zum Generalthema des deutschen Fernsehens wurde: Erstes und zweites Programm machten die Frontbildung deutlich, Sendung für Sendung erhellte, daß viele Studenten, bedroht von der Totalintegration, heute in gleicher Weise gegen die reaktionär Gesonnenen unter den Professoren, gegen die Masse der Umarmer, die Beschwichtiger und Verharmloser, und gegen die Freunde von einst zu kämpfen versuchen, die für sie heute nicht mehr Freunde, sondern demokratische Dekorationsfiguren des Establishments sind.

Der Anblick ist chaotisch, Humboldtianer und Maoisten sagen gemeinsam der Verschulung den Kampf an (unter kontroversen Vorzeichen natürlich), die Leidenschaften entfalten sich frei: Ein französischer Journalist, der für die Sache der Studenten warb, wurde in Höfers Frühschoppen von einem amerikanischen Kollegen in rüder Weise zur Ordnung gerufen, der Abend des 2. Juni, und nicht allein er, sah sich nach kalter Krieger Art interpretiert; der Wissenschaftsrat auf der anderen Seite, die Tagesschau zeigte Lübke und Leussink, bemühte sich intensiver denn je, zwischen Charybdis und Skylla, den Ideologen von rechts und von links, seinen pragmatischen Kurs weiterzusteuern; neue Pläne gewinnen Gestalt, neue Ausbildungswege zeichnen sich ab: die Herren Professoren Dahrendorf, Lübbe und Riese diskutierten mitsamt einem sympathisch-klugen Vertreter des Verbands Deutscher Studentenschaften, dessen Anwesenheit freilich, der Ideologisierung einer unproblematischen Lehr-Lern-Gemeinschaft dienend, nur ornamentaler Art war, diskutierten über das Bürgerrecht auf den Beruf und die Bildung, über den numerus clausus und die neuen Studiengänge, Kurzwege für Sparkassenleiter und Finanzbeamte der gehobenen Mittelschicht, Wege, deren Anlage billig sein muß (der Hentig-Plan, auf die Verzahnung von Gymnasium und Hochschule zielend, wurde als zu teuer bezeichnet), diskutierten über Kurse, die, so steht zu befürchten, nur dem Ausstoß von Materialien dienen, die nach dem Gesetz industriegesellschaftlicher Rationalität, aber nicht nach dem Gesetz der Kritik und Reflexion geformt worden sind. (Helmut Schelsky hat, unter Berufung auf Habermas und Horkheimer, die Gefahr der radikal vergesellschafteten, die Wirtschaftssituation blind und unreflektiert abbildenden Universität eindringlich analysiert.)

Probleme allüberall, Bildungsprobleme, die Gesellschaftsprobleme sind. Schwierige und brennende Fragen, Themen und Thesen, die von allen Debattanten exakte Präparation und klare Artikulierung verlangen. Es ist nicht gut, wenn man in solcher Lage ins Stammeln gerät und munter seine Phrasen drischt. Wer ein Gespräch mit dem Titel „Studium noch empfehlenswert“ zu leiten hat, sollte weder die Springflut von Studenten, die da auf die Universität zukommt, bemühen, noch sollte er sich etwas ergeben lassen was sich so darstellt wie oder zu einem Mitstreiter sagen: Sie sprechen da einen ganzen Strauß von Problemen an. Die Sprache ist verräterisch. Sie zeigt an, ob der Redende von der Sache, über die er spricht, etwas versteht oder nicht. Momos