Von Richard Schmid

Ein arabischer Historiker hat kürzlich in einem Brief an Le Monde auf die welthistorische Ungerechtigkeit hingewiesen, die darin liege, daß heute die Araber die Rechnung für die Verfolgung der Juden im sogenannten christlichen Abendland, zu zahlen hätten. In den arabischen Ländern und im Islam überhaupt seien die Juden weder wegen ihres Glaubens noch wegen ihrer Rasse verfolgt worden.

Nun gab es auch im arabischen Kulturkreis Einzelne Verfolgungen. Aber im großen und ganzen ist die Behauptung richtig; richtig? ist vor... allem, daß der Zionismus und der Staat Israel ihreWurzel in dem Zweifel und schließlich in der Verzweiflung der Juden über ihr Verhältnis zu den europäischen Völkern haben. Dabei hat sich das grobe historische Schema durchgesetzt, als ob die religiöse Verfolgung, die mit den Kreuzzügen begonnen hat, von der rassischen Verfolgung des letzten und dieses Jahrhunderts abgelöst worden sei.

Die Sache ist aber viel komplizierter. Ein nun in deutscher Übersetzung erschienenes Buch

Henry Kamen: „Die spanische Inquisition“, aus dem Englischen von Arno Dohm; Rütten + Loening Verlag, München; 368 S., 28,– DM

gibt durch die Darstellung der spanischen Inquisition (wohl zu unterscheiden von der älteren allgemeinen Ketzerinquisition) eine Vorstellung von der komplexen Natur dieser Verfolgung, ihrer Motive und ihrer Zwecke.

Die spanische Inquisition ist durch eine Bulle des Papstes Sixtus IV. im Jahre 1480 eingerichtet worden. Aber schon bei den ersten Verfolgungen vor diesem Zeitpunkt, im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, war nach der Meinung eines Zeitgenossen die „Raubgier stärker als die fromme Überzeugung“. Die Inquisition richtete sich zwar formell nicht gegen Juden oder andere Nichtchristen, vielmehr ausschließlich gegen Getaufte. Wenn sie sich trotzdem zuerst vorwiegend gegen Juden wandte, so hatte das den Grund, daß die Juden unter dem Druck der Verfolgung und Vertreibung sich in großer Zahl taufen ließen. Der so „bekehrte“ Jude, der converso, der Neuchrist, stand natürlich im Verdacht, dem jüdischen Glauben und den jüdischen Bräuchen weiterhin heimlich anzuhängen. Dieser kollektive Verdacht, einer der wichtigsten Gegenstände des Inquisitionsverfahrens, beruhte also auf der jüdischen Herkunft des Beschuldigten, womit das rassische Element der Verfolgung schon gegeben war. Dazu kam das soziale und das wirtschaftliche. Die Juden und die conversos waren auf Grund ihrer Begabung und Erfahrung im Geldwesen und in den Wissenschaften, besonders in der Medizin, so stark in die adlige Oberschicht eingedrungen, daß dagegen eine Abwehrbewegung entstand. Es war die Inquisition, die nun mit dem neuen Begriff der limpieza di sangre, der Reinheit des Blutes arbeitete.