Wenn zum Beginn der bayerischen Schulferien einem Manne Lob gebührt, dann dem Pädagogen und Amtmann Hans Gmeinwieser in München. Er hatte die Idee, beim Münchner Stadtjugendamt eine „Notdienststelle für Sechser-Schüler“ einzurichten. Sein Erfolg war beträchtlich, soweit er am Zulauf abgemessen werden kann. Schon in den ersten. Tagen fanden sich viele Jungen und Mädchen bei ihm ein, die dringend Zuspruch brauchten, weil sie „pappen“ geblieben waren und den Zorn der Eltern fürchteten. Aber es kamen auch Mütter und Väter, die am Rande ihrer Nervenkraft waren. Das Schuljahr schloß ab, die Ferien begannen. Alles könnte so herrlich sein. Aber im Zeugnis des Sohnes oder der Tochter steht: „Wird nicht versetzt.“

„Am Zeugnistag hat sich im vergangenen Jahr“, so sagte Herr Gmeinwieser, „allein in Bayern ein Dutzend Schüler das Leben genommen.“ Wie viele es vorzogen, an diesem Tage nicht nach Hause zu gehen, sondern davonzulaufen, ist nicht genau ermittelt. Es sind Hunderte.

Ich erinnere mich an unseren Abituriententag. Es gab eine Art Kommers, gemeinsam mit den Lehrern. Eitel Freude, Heiterkeit, Übermut. Bis einer der Studienräte – ein besonders verehrter – sagte: „Freut euch nur. So kleine zwanzig Jährchen, und eure Kinder sitzen auf unseren Schulbänken. Dann zittert ihr wieder!“ Dicht über unseren Biergläsern, im Rauch der uns eben erst erlaubten Zigaretten, schwebte ein Engel durchs Sälchen.

Die Aufgabe, die Herr Gmeinwieser sich aufgeladen hat, wird nicht einfach sein. Unser Studienrat verließ bei seiner Warnung im Geiste das Lehrerpodium nicht. Er dachte: Wartet nur! Ich krieg’ euch wieder! Herr Gmeinwieser hingegen versetzt sich in die Lage der anderen, in die Situation der Schüler, aber auch der Eltern. Sicherlich hat er sich gerüstet. Vermutlich hat er eine Liste oder weiß sie auswendig: die Reihe großer Deutscher, die, Bismarck an ihrer Spitze, in der Schule „hängen“ geblieben sind und es schließlich doch zu etwas gebracht haben. Aber eben: Sie haben es zu etwas gebracht, zum Beispiel zum Posten des „Eisernen Kanzlers“, obwohl, nicht weil sie sitzenblieben. So ist dem heulenden Franzl Huber wenig mit solchen Beispielen gedient. Was ist ihm Bismarck! Er fürchtet für seinen Allerwertesten.

Als einmal einer aus unserer Klasse sitzenblieb, obwohl es ihm an Intelligenz nicht fehlte, ging er, die Fehlanzeige in der Hand, zu einem alten, inzwischen pensionierten Lehrer. Die beiden machten sich rüstig auf den Weg zum betroffenen Vater, dessen Wut ungeheuerlich war. Da sprach der alte Lehrer folgende Worte, die sich im rheinischen Tonfall vielleicht nicht so wuchtig anhören, wie sie sich in Schriftdeutsch lesen, jedoch den erzürnten Vater sofort zum Schweigen brachten: „Als du in meiner Klasse warst, hab’ ich dir oft genug den Arsch halt gehalten – denk daran!“

Die Väter denken nicht daran, die Lehrer nicht, die Schüler nicht. Doch Herr Gmeinwieser, er weiß, wie ihnen zu Mute ist, den erfolglosen Kindern, aber auch den verzweifelten Eltern, die hundertmal im verflossenen Schuljahr gesagt haben: „Hast du auch deine Schulaufgaben gemacht?“ – und jetzt kommt der Flegel oder die Göre an und ist „kleben“ geblieben! Ist das der Lohn für so viel elterliche Fürsorge? Aber in die Ferien fahren, zelten, schwimmen, mit ’nen Transistor am Lederriemen ’rumlaufen oder unterm Minirock die Schenkel zeigen – ja, das wollen sie. Versaute Jugend! Ferientag, Zeugnistag, Tag der „Sechsen“: dies irae.

So, und nun tretet hin, ihr Knaben oder Mägdelein, vor das väterliche Gericht; seid tapfer!