• "Georges Mathieu" (Köln, Kunstverein): "Ein Herr Mathieu hat für Sie angerufen", sagte mir eines Tages mein Pariser Hotelier. "Sagen Sie, ist das nicht jener Künstler, der sich in einer Glaskugel durch Paris tragen ließ? Ich versichere Sie, Monsieur, das ist ein echter Künstler!" Nicht jeder reagierte so gelassen auf Mathieus öffentliche Prozeduren. Film und Fernsehen jedoch griffen begierig solche Aktionen auf, unterlegten sie allerdings zumeist mit bissigen Kommentaren. Was nicht nur unnötig war, sondern auch uneinsichtig: die Ästhetik Mathieus hatte dem Verhältnis von Kunst und Spiel einen bedeutenden Platz zugewiesen. Wenn überdies die Malerei als Ablauf entscheidend war, das Bild, mit Pollock, zur "Arena" wurde, dann war es nur konsequent, auch den Betrachter an dieser Aktion teilnehmen zu lassen. Eines der letzten Bilder, das Mathieu öffentlich gemalt hat ("Paris, Hauptstadt der Künste", 1965) ist in die Ausstellung im Kölner Kunstverein aufgenommen.

Die Ästhetik Mathieus gründet auf dem Zeichen. Bis in die zweite Hälfte der sechziger Jahre hinein lassen sich Bilder finden, in denen die Zeichen als unlesbare Signaturen aufgetragen sind. Daneben entwickelte Mathieu in den letzten Jahren mehr und mehr eine strengere Notation: Die Zeichen verlieren teilweise den handschriftlichen, Duktus, werden in gitter-oder stangenartigen Linien aufgetragen. Oft isoliert Mathieu auch Farbformen, zäunt sie ein; oder er legt Bilder ins Bild. In der Ausstellung finden sich außerdem Bilder, die assoziativ Architekturen, Gerüstbauten oder Lichtröhren vorführen. Das heißt, daß sich Mathieu auf einem Weg befindet, auf dem sich auch Pollock mit seinen letzten Bildern versucht hatte: gegenständliche Erfahrungen nicht auszuschließen, sondern die freie Geste, die freie Bewegung des Bildmaterials mit bestimmten ablesbaren Formen (bei Pollock: Köpfe, Figuren) zu koppeln. Ein Weg übrigens, den Mathieu bei dem Amerikaner als "Verzicht auf das Abenteuer" kritisiert hatte. (Die Ausstellung läuft bis zum 3. September.) Jürgen Claus

  • "Ars phantastica" (Schloß Stein bei Nürnberg): Ein Geisterschloß, eine neugotische Ritterburg, die sich der Vater des Grafen Roland von Faber-Castell (des Vorsitzenden der Albrecht-Dürer-Gesellschaft) Anfang des Jahrhunderts erbaut hat, Gotik von außen und innen schönster Jugendstil. Dieses pseudomittelalterliche, außerhalb der Zeiten existente Schloß Stein bildet den idealen Rahmen für das große Stelldichein der Phantasten – der deutschen Phantasten; die Wiener Schule und ausländische Zentren der Phantastischen Kunst wurden nicht eingeladen.

Eine Richtung sollte dokumentiert werden, die in Deutschland neuerdings an Boden und Bedeutung gewonnen habe: phantastische Kunst als Sammelbegriff für Magischen Realismus, Phantastischen Realismus und Surrealismus. Eine Malerei, die sich auf verschiedenen Realitätsebenen abspielt, die imaginäre Sachverhalte aus dem Unbewußten heraufholt und von der optischen Erscheinung sich in magisch irrationale Bereiche verlocken läßt. Leider hat man in Nürnberg die Auswahl nach rein äußerlichen Kriterien vorgenommen: Phantastisch ist ein Bild, wenn es sich erstens als "gegenständlich" verstehen läßt und zweitens mit der alltäglichen Seherfahrung nicht übereinstimmt.

Was verbindet die reizenden Bildchen von Bele Bachem mit den brutalen Figurationen von Schröder-Sonnenstern, die große Tabiuski-Collage von Bernard Schultze mit den bengalischen Magielandschaften von Franz Radziwill, den hervorragenden Zeichner Gerhard Altenbourg aus Altenburg in Thüringen mit dem Erzsurrealisten Max Ernst? Horst Janssen hat zum Glück eine eigene Koje bekommen, die ihn vom Gros der Phantasten isoliert. Aber weder Janssen noch Paul Wunderlich, dessen Bilder durch mittelmäßige Nachbarschaft bedrängt werden (bis auf seinen "Schwebenden Akt", der hoch über der Halle schwebt, gegenüber hängt eine zum Schloßinventar gehörige Kopie der "Himmlischen und Irdischen Liebe" von Tizian), kommen als Vertreter der Phantastischen Kunst in Betracht. Die jungen Berliner, vorwiegend aus der Schule von Mac Zimmermann, betreiben den Surrealismus mit zeichnerischer Bravour und thematischer Routine. Von dem Ausdruckszwang, unter dem die Väter der Bewegung gestanden haben, ist bei den Enkeln nichts mehr zu spüren.

Das Ergebnis, wenn man die 365 Arbeiten hinter sich gebracht hat, ist enttäuschend. Zu viele Epigonen fristen ihre künstlerische Existenz von der Phantasie, die andere Künstler besitzen. Man tut der Ars phantastica einen schlechten Dienst, wenn man sie als Massenbewegung demonstriert. Die Ausstellung wurde von der Albrecht-Dürer-Gesellschaft veranstaltet und endet am 1. Oktober.

Gottfried. Sello