Oggelshausen ist ein kleines schwäbisches Nest im Kreise Saulgau, offenbar durch wenig bemerkenswert, außer vielleicht durch seine Mücken, die es dort in den Sommermonaten in recht großer Zahl gibt. Der Name des altertümlichen Nachbarstädtchens Riedlingen deutet auf Moore und Tümpel hin, in denen sich unsere lästige, wenn auch nicht gerade gefährliche Stechmücke – Culex pipiens – ausgiebig vermehren kann.

Aus Oggelshausen bezog Professor Hannes Laven denn auch vor Jahren einen der ersten seiner Stechmückenstämme, den er seither im Laboratorium weiter gezüchtet hat. Nicht daß er meinte, die Oggelshausener Mücken seien etwas Besonderes. Er war nur durch einen Mitarbeiter in den Besitz der Blutsauger gekommen, wie er danach auch noch andere Stämme aus Hamburg, aus Paris, aus Fresno in Kalifornien beispielsweise, und aus Burma bezog. Diese fernöstlichen Mücken allerdings unterscheiden sich durch ein paar Einzelheiten von unseren heimischen und tragen deshalb den Namen Culex fatigans, was sie nicht hindert, unsere deutschen, die französischen und auch die kalifornischen als artverwandt anzusehen und mit ihnen Hochzeit zu halten, um das Geschlecht Culex pipiens fatigans in die Welt zu setzen, das genauso unangenehm ist wie die ungekreuzte Rasse. Immer allerdings, so wird man sehen, klappt es mit der Nachkommenschaft nicht.

Während aber unsere heimischen pipiens-Rassen meist nichts anderes sind als höchst unangenehm und gelegentlich schlafraubend, übertragen manche fatigans-Rassen der tropischen Gebiete eine Krankheit, deren Erreger mikroskopisch kleine Wurmarten, Nematoden der Art Wucheria bancrofti, sind. Eine Infektion mit diesen Fadenwürmern führt zu der gefährlichen Filariose, Lymphdrüsenschwellungen, Fieber, auch zu Lungeninfektionen und am Ende zu der gefürchteten Tropenkrankheit der Elefantiasis. Unsere heimischen Mücken sind für diese Erreger, die sich in den Brustmuskel der Insekten entwickeln, nicht anfällig, weil die Mikrofilarien, die Larvenstadien der Würmer, für ihre Entwicklung tropische Temperaturen brauchen.

Doch zurück zu Professor Lavens Mainzer Laboratorium, wo der Gelehrte Hamburger Mücken mit Oggelshausener kreuzte. Hierbei machte er die erstaunliche Feststellung, daß zwar Hamburger Mückenweibchen mit Oggelshausener Männchen Nachkommenschaft hervorbrachten, nicht aber Oggelshausener Weibchen mit Hamburger Männchen. Diese legten zwar Eier in durchaus üblicher Zahl, aber aus ihnen entwickelten sich keine Larven. Kreuzungsversuche von Mücken aus anderen Gebieten führten zu einer ganzen Tabelle der genetischen Inkompatibilität. Bei manchen Paaren war die Kreuzung nur in der einen Richtung, bei anderen in beiden, bei wieder anderen in überhaupt keiner fruchtbar. Aus dieser Tabelle entstand dann die Untersuchung, welche der Mückenarten sich mit der burmesischen Culex fatigans zwar paarte, aber ohne Nachkommenschaft hervorzubringen. Noch einen Schritt weiter gingen die Versuche, die in den letzten Jahren in den Mainzer Mückenkäfigen durchgeführt wurden. Es sollte eine Mückenart gezüchtet werden, die den tropischen Bedingungen der filarioseverseuchten Gegenden standhielt, die kräftig genug war, sich in der Konkurrenz mit den einheimischen Männchen zu behaupten, dennoch aber keine Nachkommenschaft erzeugte.

Professor Laven beschloß, die aus Fresno in Kalifornien stammenden Mücken mit solchen aus Paris zu kreuzen und dieses Produkt zu Paarungsversuchen mit der burmesischen Culex fatigans zu benutzen.

Im Labor ging alles nach Plan. Die Weibchen aus Burma legten die normale Zahl Eier ab, aber aus keinem dieser Mückengelege kroch nur eine einzige Mückenlarve.

Das Prinzip der „biologischen Selbstausrottung“ ist eine der modernen Waffen bei der Bekämpfung von krankheitsübertragenden Insekten. Die Amerikaner haben mit großem Erfolg Feldzüge gegen eine Anzahl von Schädlingen geführt, indem sie in verseuchten Gebieten sterile Männchen einer Insektenart aussetzten, und zwar etwa zehnmal soviel gezüchtete, sterilisierte Männchen, wie sie nach Zählungen in diesem Gebiet natürliche vermuteten. In einigen Insektengenerationen – sie währen bei manchen Arten nicht länger als zehn bis vierzehn Tage – gelang es ihnen, durch mit Gammastrahlen steril gemachte Männchen ganze Populationen zum Aussterben zu bringen. Einhundertsiebzigtausend sterilisierte Männchen einer Fliege, die ihre Eier in die Haut von Rindern und Schafen legt, konnten die gesamte Insel Curaçao in kurzer Zeit schädlingsfrei machen, und fünfzig Millionen sterile Männchen brachten in einem Jahr in ganz Florida diese Fliege zum Aussterben.